Glossar:

Apothecienascomycota, Becherschlauchpilze

1 Der Prototyp

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In ebener Kruste vielleicht

Waren am Anfang die Asci vereint,

– Was sich ein paar nur bis heute bewahrt –

Bald steril mit Hyphen[1] begrenzt,

Paraphysen[2] dazwischen für Abstand und Schutz,

Einfache Asci[3], etwas gedrungen dazu,

Zum Schießen der Sporen den einfachen Ring,

Ob amyloid[4] schon, weiß niemand so recht.

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Waren auf tote Pflanzen spezialisiert,

Zernagten Cellulosefibrillen[5], dazwischen diverse Glucane[6].

Hoben den Rand bald zur Schüssel empor;

Blieb lange dünn, nach oben etwas gekrümmt,

Womöglich bogig, die jungen Asci zu schützen,

Auch zum Hohlraum wenn nötig, anfangs bedeckt.

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Flexibel war wohl die Schale[7],

Nicht starr für immer der Saum,

Weitbar wenn reif ihre Asci,

Falls Feuchte die Nahrung durchdrang.

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Um trotzdem ihr Leben noch zu bewahren,

Wenn sie Trockenheit an ungünstigen Stellen befällt,

Und diese Unbill recht lange hält,

Erwuchsen verschied’ne Methoden ihnen, dem Mangel zu trotzen.

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Verschleimen zum einen der Hyphen quellbare Wände,

Um Wasser, wenn verfügbar,

Rasch im Glibber zu speichern,

Der, gegen Trocknen sich sträubend, nur langsam es wieder verliert.

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Andere gehen den sicheren Weg und zapfen,

Nicht nur des Wassers wegen, lebende Wirtspflanzen[8] an,

Dringen mühsam in lebende Zellen,

Holen, sie tötend, alles was nützlich, heraus,

Oder, wer nachhaltig denkt, lässt sie am Leben;

Dann zehrt er noch lange davon.

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Erweist sich der Wirt recht kurz nur kooperativ,

Bauen manche dem Mangel gut vor:

Bilden aus sich, oft durch des Wirtes Gewebe verstärkt,

Zum Überdauern ein Stroma[9], ihrem Ascoma[10] ein Dach.

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Stirbt dann der Wirt oder ein Teil von ihm, worin der Fruchtkörper sitzt,

Fällt es nicht schwer,

Reserven mit Hilfe wieder verfügbaren Wassers zu lösen,

In Feuchtperioden die Sporen zu schießen.

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Gewiefte schließen komplett ihr Ascoma,

Lassen Asci in Ruhe reifen darin,

Geben, die Wandung zerbröselnd,

Sporen passiv die Freiheit damit,

Oder öffnen mit Schlitz die anfangs geschlossene Wand,

Bilden damit eine Rampe den Asci zum Schuss.

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Auch extremste Umwelt können viele ertragen, denn

Paraphysenköpfe[11], vereint zur dicken, isolierenden Schicht,

Kombiniert mit Wasserspeichergeflechten noch am Substrat,

Halten Asci und Sporen für längere Zeit am Leben;

Ist ein Ascus bereit, Sporen zu schießen,

Drängt er die schützenden Köpfe zur Seite,

Streckt seinen oftmals zellwandverdickten eigenen Kopf

Über die Eb’ne empor und schießt.

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Wer sich nicht anpasst, der aber stirbt,

Oder spezialisiert sich auf ständig feuchte Gebiete.

Andere Zollen mit Kürze des Lebens:

Kaum reproduziert, fast schon krepiert.

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Substrat[12] auch ohne organischen Anteil

Ist für Besiedlung vielen nicht fremd:

Nehmen sich Algen[13] für Zuckerversorgung[14],

Schützen die Helfer vor Wasserverlust.

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Auch sie setzen mächtig auf Asexualität[15]!

Produzieren Konidien[16] methodisch divers,

Besiedeln in kürzerer Zeit jedmöglichen Raum,

Erhalten damit ihre Art wie üblich nicht schlecht.

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Kein Wunder, dass diese umfangreiche Verwandtschaft

Den Globus vom Wasser bis hin zur Wüste,

Von tropischen[17] Eb’nen bis ins extremste Gebirge[18] beherrscht

Und andere Ascomycoten an Zahlen weit übertrifft.

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Fußnoten

[1] Hyphen: Einzellreihige, zellwandumgebene Fäden von Pilzen mit Spitzenwachstum, mit oder ohne Querwände

[2] Paraphysen (Pezizomycotina): Sterile, gametophytische (haploide), zum Teil speziell gestaltete, zwischen den Asci stehende Hyphen, die mitunter an ihrem apikalen Ende verbreitert sind und so eine Schutzschicht über den sich entwickelnden Asci bilden, die von ihnen bei Reife durchstoßen wird, um die Sporen unbehindert abschießen zu können

[3] Ascus, Schlauch: Meiosporangium der Ascomycota

[4] Amyloid: Blau nach Jodbehandlung

[5] Cellulose: Unverzweigte Ketten aus Glucose in β-1,4-Verknüpfung; wobei der 6C-Zucker Glucose in Ring-Form geschrieben, das C1 der Aldehydgruppe ist [CH2OHCHOHCHOHCHOHCHOHCHO], davon aus gerechnet ist der vierte Kohlenstoff das C4 ist. In Ringform geschrieben weist die OH-Gruppe des C1 nach oben, wie auch die frei gebliebene CH2OH-Gruppe. Die OH-Gruppen wechseln von 1 bis 4 die Stellung: C1 nach oben, C2 nach unten, C3 noch oben, C4 nach unten, an C5 hängt die nach oben stehende CH2OH-Gruppe.

[6] Glucane: Generelle Bezeichnung für aus Zuckern entstandene Substanzen

[7] Fruchtkörperrand

[8] Wirt (Parasiten, Symbionten): Opfer eines Parasiten, Partner eines Symbionten

[9] Stroma (Pezizomycotina): Steriles, dichtes, mitunter überdauerungsfähiges Hyphengeflecht, aus oder auf dem Fruchtkörper entstehen

[10] Ascoma, Ascomata: Fruchtkörper der Pezizomycotina

[11] Kopf- der keulenartig erweiterte Paraphysenenden

[12] Substrat: Allgemeine Bezeichnung für feste, unterstützende, tragende oder nährende Substanz

[13] Algen: Eine organismenreichübergreifende Bezeichnung für überwiegend im Wasser lebende Thallophyten

[14] Flechten: Symbiosen aus Pilzen und Algen

[15] Asexuell (Vermehrung): Nur aufgrund von Mitosen gebildet

[16] Konidie: Asexuell und nach außen gebildete Verbreitungseinheit

[17] Tropen, tropisch: Klimazone zwischen Äquator und Wendekreisen

[18] Alpin: Klimazone zwischen der Baumgrenze und der von Schnee bedecken Zone

Eingestellt am 15. März 2025

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Ab hier werden die Texte bezüglich Taxanamen (s. Stammbaum und/oder Pfade) alphabetisch geordnet.

Die evolutiven Zusammenhänge lassen sich deshalb aber nur erkennen und verfolgen, wird auch der zugehörende Stammbaum berücksichtigt.