zum Glossar mit Abbildungsverweisen über:

Andreaeopsida, Klaffmoose

1 In die Kälte entwichen

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Wählen Felsen und Stein, hart und widerstandsfähig!

Böden und kalkiger[1] Schotter[2], unruhig in Hitze und Frost,

Wurden schon vielen unerfahrenen Ahnen zum Grab,

Liegen verschüttet, ohne Hoffnung auf Licht.

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Kalkmassive[3], abgesprengte Brocken davon,

Verachten sie aus identischem Grund,


Denn leicht verwittert die wind- und frostexponierte Fläche,

Entzieht Andreaea[4] den lebenswichtigen Halt.

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Bevorzugen Gebirge, Antarktis und Arktis als

Fest umrissene Heimat,

Als letzte Refugien[5], Konkurrenten zu weichen;

Scheuen unbehelligten Lebens willen nicht das Extrem.

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Schmal bandförmig, um mehr Licht als Fäden zu sammeln,

Krallt das Protonema[6] mit Rhizoiden[7] sich im Hartgestein fest.

Ein Pflänzchen genügt ihr am Anfang, den Ort auf Eignung zu prüfen,

Wächst jedoch mit der Zeit zum flächigen Polster[8] heran.

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Dicht steh‘n Blättchen[9] und Zweige.

Nur die jüngsten Partien erfeu‘n sich des Grüns,

Ältere dunkeln zu Schwärzlich und Braun,

Um Wärme zu sammeln, wenn Sonne erstrahlt im kalten Gebiet;

Schädlichen Strahlen harten UVs[10] exponiert,

Schützen sie dunkle Pigmente vor Mutation[11].

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Durch des Archegons[12] mitwachsenden Bauch lange geschützt,

Bleibt der kugligen Kapsel die Unbill des Wetters erspart,

Wagt sich, der Gametophyt[13] sorgt schon dafür,

Erst bei Reife aus dem umgebenden Blattschopf auf einem Pseudopodium[14] heraus.

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Wartet bis ihm der Wind die restliche Feuchte entzieht,

Drückt sich dann von der Kugel zum Ellipsoid,

Reißt vier Spalten von oben nach unten in seine Wand,

Schenkt Sporen die Freiheit so lange günstige Trockenheit herrscht,

Schließt bei Feuchte hygroskopisch[15] die Schlitze wieder;

Wie ein langgestielter Pokal präsentiert sich am Ende das Ellipsoid.

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In Ruhe liegen die Sporen im kalottenförmigen[16] Raum

Über der Columella[17] sterilem Gewebe,

Lassen Winde geduldig agieren,

Von außen beginnend bis ins Zentrum hinein.

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– Und fändest du eine der zweiundneuzig Arten aus den

Drei Gattungen, wäre für dich dies sicherlich eine Sensation. –

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Fußnoten

[1] Kalkig: kalkhaltig

[2] Schotter (hier): kleine, kantige Bruchsteine

[3] Kalkmassiv: Massiv (Gebirgsmassiv) aus Kalk

[4] Andreaea: Klaffmoos (Andreaeopsida – Bryophytina – Bryophyta – Thallophyta – Ebryophyta –…)

[5] Refugium: Rückzugsgebiet

[6] Protonema (Laubmoose): Ein haploides, trichales Verzweigungssystem nach der Sporenkeimung, an dem später das typische haploide Moospflänzchen entsteht.

[7] Rhizoide: Fadenartige, wurzelähnliche, trichale oder unseptierte Auswüchse zum Festheften von thallösen Pflanzen

[8] Moospolster: polsterartige, dichte Ansammlung von Moospflänzchen einer Art

[9] Blättchen (Moose): Ein blattartiges, flächiges Organ, das äußerlich einem Blatt der Gefäßpflanzen (Tracheophyta) ähnelt, jedoch sich davon im Bau grundlegend unterscheidet; deshalb wird bei Moosen lediglich von Blättchen und nicht von Blatt gesprochen.

[10] Hartes ultraviolettes Licht: Ultraviolette Strahlung (UV-A-Strahlung) zwischen 380 und 315 Nanometer Wellenlänge

[11] Mutation: Spontan auftretende, dauerhafte Veränderung des Erbguts

[12] Archegon, Archegonium (Moose, Farne): Besitzen eine einzellschichtige Wand (Wandzellen) mit schnabelartig ausgezogenem, anfangs mit einer Zellreihe gefülltem Hals (Halskanalzellen), die sich im Zuge der Spermatozoidenanlockung auflösen; auch die Bauchkanalzelle, als Schwesterzelle der Oocyte entstanden, löst sich dann auf.

[13] Gametophyt: Bildet im Generationswechsel mitotisch, da selbst haploid, haploide Zellen (Gameten); oder nur Kerne, die direkt oder nach einer dikaryotischen Phase zur Karyogamie bestimmt sind

[14] Pseudopodium (Sphagnophytina; Andreaeopsida): Anstelle einer Seta, die bei anderen Moosen vom Sporophyten gebildet wird, verlängert sich bei Torfmoosen der Gametophyt unterhalb des Sporophyten zu einem Stiel, zum Pseudopodium, auf dem die Mooskapsel sitzt.

[15] Hygroskopisch: Wasseraufnehmend, wasseranzihend, auf Feuchtigkeitsänderungen reagierend

[16] Kalotte: Teil eines Kugelkörpers, der durch den Schnitt mit einer Ebene abgetrennt wird

[17] Columella (Laubmoose): Domförmige oder Säulenartige Struktur in der Mitte der Mooskapsel

Eingestellt am 21. Februar 2026

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Andreaea rupestris (Felsen-Klaffmoos)

Fast schwarzes Polster durch Pigmenteinlagerung; einzelne Mooskapseln (schlitzförmig geöffnetes Miitte links) zu sehen

Eingestellt am 21. Februar 2026

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Andreaea rupestris (Felsen-Klaffmoos); (Tusche, Kreide; Reinhard Agerer)

Links, Habitus: Gametophyt (grün) mit Pseudopodium, Sporophyt (braun), der mit einer kleinen Seta versehen (kropfartige Verdickung), die vierspaltig klaffende Kapsel trägt. Calyptra als Haube abgetrennt.

Rechts, Schnitt durch jungen Sporophyten und Pseudopodium: Sporophyt (hellbraun) mit sporogenem Gewebe (gelb); Pseudopodiumspitze (hellgrün) mit versenktem Sporophytenfuß (hellbraun) in Plazenta (hellgrün), mit basalem Rest des Archegonienbauchs (hellbrün); Calyptra (hellgrün) sitzt noch der jungen Kapsel auf.

Nach Frey & Stech (2009), Fig. 5-6, 1 und 2, Seite 139

Eingestellt am 21. Februar 2026

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Endpunkt erreicht