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Polytrichopsida, Frauenhaarmoose
1 Hoch hinaus
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Im undurchdringlichen Dickicht zu Tausenden Teppiche knüpfend,
Am Boden mit Adern[1] zum Netzwerk verbunden,
Streben sie, einander als Gegenspieler betrachtend,
Mit gleichfalls wachsenden Nachbarn selbst in die Höh.
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Baumaterial, aus Zucker gewonnen, wird allerdings knapp.
Doch irgendwer hatte die glorreiche Idee,
Der Blättchen[2] Kapazität durch Vergrößern der Fläche
Nachhaltig enorm zu erhöh‘n.
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Lamellen, senkrecht und blättchenparallel, mit einigem Abstand dazwischen,
Geben dem Austausch von Gasen[3] Antrieb zu weitflächigem
Wirken und, ohne sich viel zu beschatten, dem Sonnenlicht
Vielfachen Zutritt zum Grün[4].
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Transport des gewonnenen Zuckers vom Blättchen ins Stämmchen[5],
Übernehmen eigens dafür entwickelte Leptoide[6]:
Dünnwandige Zellen, mit Poren zwischen benachbarten, in Reihe liegenden Partnern;
Leiten Zucker nach unten, auch Richtung Apex zu jedem bedürftigen Ort.
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Besonders junge, noch undifferenzierte Blättchen, Selbst noch unterentwickelt als Zuckerfabrik,
Benötigen dringend Hilfe durch molekular gebundene Energie,
Um dann zu späteren Zeiten das Gleiche zu tun.
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Doch woher nehmen all die Fabriken das nötige Wasser?
Hydroiden[7] im Zentrum der Stämmchen, den Leptoiden benachbart,
Transpirationssog[10],[11] nach oben,
Ergänzen einander perfekt zum hochintegrativen System.
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Doch eines fehlt den Frauenhaarmoosen zum klaren Erfolg:
Sie brauchen einander zum Stabilisieren der Länge und Form;
Ohne Nachbarn knickten womöglich in leichten Winden sie bereits um.
Stereidsysteme[12] bringen jedoch sie beachtlich nach oben,
Aber mehr als achtzig Centimeter schaffen sie nicht,
Denn, sie mehr noch räumlich zu festigen, ermöglichen Cellulosefibrillen[13] nie.
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Moosen[16] für immer verwehrt,
Nur Tracheophyten[17] kamen auf diese Idee.
Vielleicht fanden dafür nur sie die nötige Energie.
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Fußnoten
[1] Rhizoide: Fadenartige, wurzelähnliche, trichale oder unseptierte Auswüchse zum Festheften von thallösen Pflanzen
[2] Blättchen (Moose): Ein blattartiges, flächiges Organ, das äußerlich einem Blatt der Gefäßpflanzen (Tracheophyta) ähnelt, jedoch sich davon im Bau grundlegend unterscheidet; deshalb wird bei Moosen lediglich von Blättchen und nicht von Blatt gesprochen.
[3] Sauerstoff gegen Kohlendioxid
[4] Chlorophyll, Blattgrün: Besteht aus Porphyrinringsystem mit angehängter Kohlenstoffkette. Es lassen sich Untertypen unterscheiden, je nachdem welche Seitenmoleküle am Porphyrinringsystem hängen
[5] Stämmchen (Moose): Eine aufrechte oder liegende Achse, die äußerlich einem Spross der Gefäßpflanzen (Tracheophyta) ähnelt, jedoch sich davon grundlegend in Bau und Funktion unterscheidet; deshalb wird bei Moosen lediglich von Stämmchen und nicht von Spross (Stamm) gesprochen.
[6] Leptoide (Laubmoose i.e.S.): Zellen mit oft verdickten Seitenwänden; Querwände nur leicht schräg gestellt und mit Siebplatten versehen.
[7] Hydroide (Laubmoose i.e.S.): Gestreckte tote Zellen, im voll entwickelten Zustand ohne Kern und Protoplsma, mit verdickten Längswänden und steilen Querwänden; ohne Lignin.
[8] Rhizoidstränge: Hier treten Rhizoide zu strangartigen, zu dochtartigen Systemen zusammen
[9] U. a. Nährionen: Ionen, die für die Ernährung von Organismen von Bedeutung sind
[10] Transpiration (Plantae): Abgabe von Wasserdampf durch (die Spaltöffnungen der) Pflanzen
[11] Transpirationssog: Durch Transpiration wird an die Umgebung Wasser abgegeben, die Wassersäule wird damit automatisch mit nach oben gezogen und saugt damit gelöste Ionen ebenfalls hoch
[12] Stereide (Laubmoose i.e.S.): Lebende, längsgestreckte Zellen mit Protoplast und Plastiden, die mit ihren verdickten, unverholzten Wänden der mechanischen Festigung dienen.
[13] Cellulosefibrillen: Elementarfibrillen und Mikrofibrillen
[14] Lignin: Eine äußerst stabile und resistente, aus vielen phenolischen Verbindungen zusammengesetzte, daher braune Raumnetzstruktur; eine Substanz, die nur bei Tracheophyta (Stelenpflanzen i.w.S.) vorkommt.
[15] Phenylpropan: Ein aromatischer Sechserring mit Propanrest als Seitenkette
[16] Bryophyta: Laubmoose i.w.S. (Thallophyta – Embryophyta – Streptophyta – Plantae – Eukarya)
[17] Tracheophyta: Stelenpflanzen i.w.S. (Embryophyta – Streptophyta – Plantae – Eukarya)
Eingestellt am 21. Februar 2026
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Blättchenquerschnitt (Rand) von Polytrichum formosum (Tusche, Kreide; Reinhard Agerer)
Die Oberfläche des Blattes ist dicht bestanden von einzellreihigen, fotosynthetisch aktiven Lamellen (grün); Epidermiszellen (grün) bilden die Basis der Lamellen.
Nach Strasburger (2008), Abb. 10-139 A, Seite 757
Eingestellt am 21. Februar 2026
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Stämmchenquerschnitt von Polytrichum formosum (Tusche, Kreide; Reinhard Agerer)
Von innen nach außen: Hydroide (blau); Leptoide (gelb); innere Rinde mit Interzellularen (grau); äußere Rinde bestehend aus Stereiden (dunkelgraue, dicke Zellwände).
Nach Strasburger (2008), Abb. 10-139 B, Seite 757
Eingestellt am 21. Februar 2026
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Polytrichopsida, Frauenhaarmoose
2 Stolonen
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Protonemas Kräfte waren schon bald erschöpft
Noch bevor ein erster, kleiner Rasen entstand.
Doch kurz entschlossen legte Polyta[1]
Eines der Stämmchen ganz einfach um[2].
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Erleichterte Polytas Wachsen und Leben,
Ob klein oder groß, ihr war es egal,
Doch verzweigen, senkrecht nach oben, das war ihr Wunsch.
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Sorgt dem Boden entlang, wie Stolonen wachsend, für Zweige.
Auch sie heben Stämmchen[5] für die Entfaltung von Blättchen empor
Und, gemeinsam ein einziges Ziel nur verfolgend, Rasen zu bilden,
Dehnt Polyta sich weit in die Gegend, zu dichtem Gesträuch. –
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Hätte sie nur nicht auf den falschen Schwerpunkt ihr ganzes Bemühen gesetzt!
Denn alle Last für Raum- und Baustoffakquisition legte dem Gametophyten[6] sie auf,
Nahm zu früh dem Sporophyten[7] jegliche Freiheit,
Den Zeitpunkt selbst zu bestimmen, wann und wo Sporenbildung am besten erfolgt.
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Zu fremdbestimmend ging Polyta mit der Zukunftssicherung um,
Legte genau Methode und Wege, Form und Zeitpunkte fest,
Ließ dem Sporophyten das eingeschriebene Können nicht wirken,
Was des Gametophyten eigenes bereits ein Stück übertraf.
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Abschlussgewebe, modern, mit Spalten[8] für Durchlüftung durchzogen,
Auf Feuchteschwankungen rasch reagierend,
Hätten den Moosen[9] die Zukunft vermittelt.
Ihr Determinismus jedoch blockte alles endgültig ab.
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– Noch eines erfanden sie, vom Gametophyten gestaltet,
Rhizoide[12] legen sich dochtartig dicht aneinander,
Rhizomorphenbildend, Seitenzweige nach vorne und rückwärts senden:
Einmal Gewonnenens wird wohl damit in jede Richtung verteilt. –
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Der Moose nahe Verwandte[15] jedoch erkannten die Chancen
Überwiegend diplophasischen[16] Lebens mit stark reduziertem Gametophyten,
Gaben Freiheit dem Sporophyt!
Das Haploide[17] zog sich allmählich zurück!
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Fußnoten
[1] Polyta: Bezeichnung für hypothetischen Vorfahren der Polytrichopsida
[2] Stolonen, Ausläufer (Polytrichopsida): Ein Merkmal auch heutiger Polytrichaceae, einzige Familie und einzige Ordnung der Polytrichopsida, so etwas zu bilden, was wir bei Tracheophyta Stolonen, Ausläufer, nennen; die Stämmchen legen sich bald nach Abschluss der Protonemabildung horizontal, erscheinen nach außen hin einfach gestaltet und bilden senkrecht nach oben dicht stehende Stämmchen
[3] Blättchen (Moose): Ein blattartiges, flächiges Organ, das äußerlich einem Blatt der Gefäßpflanzen (Tracheophyta) ähnelt, jedoch sich davon im Bau grundlegend unterscheidet; deshalb wird bei Moosen lediglich von Blättchen und nicht von Blatt gesprochen.
[4] Chlorophyll, Blattgrün: Besteht aus Porphyrinringsystem mit angehängter Kohlenstoffkette. Es lassen sich Untertypen unterscheiden, je nachdem welche Seitenmoleküle am Porphyrinringsystem hängen
[5] Stämmchen (Moose): Eine aufrechte oder liegende Achse, die äußerlich einem Spross der Gefäßpflanzen (Tracheophyta) ähnelt, jedoch sich davon grundlegend in Bau und Funktion unterscheidet; deshalb wird bei Moosen lediglich von Stämmchen und nicht von Spross (Stamm) gesprochen.
[6] Gametophyt: Bildet im Generationswechsel mitotisch, da selbst haploid, haploide Zellen (Gameten); oder nur Kerne, die direkt oder nach einer dikaryotischen Phase zur Karyogamie bestimmt sind
[7] Sporophyt: Bildet im Generationswechsel von Sporophyt zu Gametophyt meiotisch (R!), da selbst diploid (oder dikaryotisch), haploide Sporen
[8] Spaltöffnungen (Pflanzen): Spaltförmige Öffnungen in der Epidermis des Blatts/Stengels zum Gasaustausch (O2, CO2) und zur Abgabe von Wasser (Transpiration)
[9] Laubmoose i.w.S.: Bryophyta (Thallophyta – Embryophyta – Streptophyta – Plantae – Eukarya)
[10] Agaricomycetidae: Champignonverwandte i.w.S. (Der Stinkmorchelverwandten Schwester – Der moderne Rest – Holobasidiale Serie – Agaricomycetes – Agaricomycotina –…)
[11] Rhizomorphen (Agaricomycotina): Auf verschiedenste Weisen miteinander verbundene, über längere Stecken mehr oder weniger parallel und eng zusammengelagerte Hyphen; variable interne Organisation
[12] Rhizoide: Fadenartige, wurzelähnliche, trichale oder unseptierte Auswüchse zum Festheften von thallösen Pflanzen
[13] Hyphen (Pilze): Einzellreihige, zellwandumgebene Fäden von Pilzen mit Spitzenwachstum, mit oder ohne Querwände
[14] Champignonverwandte i.w.S.: Agaricomycetidae
[15] Tracheophyta: Stelenpflanzen i.w.S. (Embryophyta – Streptophyta – Plantae – Eukarya)
[16] Phase mit doppeltem Chromosomensatz
[17] Gametophyt
Eingestellt am 21. Februar 2026
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Rhizoidverzweigungen von Polytrichum juniperinum (Agerer; Originale)
Links: a. Dickes Rhizoid, von dünneren in typischer Verzweigungsweise eingehüllt (dargestellt in zwei Teilen (x kennzeichnet Fortsetzungsstelle); a‘ zeigt in schematischer Darstellung die Verzweigungen. – b. Dickes Rhizoid, von dünneren in typischer Verzweigungsweise eingehüllt; die dunklen Punkte in der basalen Zelle eines Seitenzweiges sind angefärbte Stärkekörner; b‘ zeigt in schematischer Darstellung die Verzweigungen. – c. Bildung eines Seitenzweigs, ausgehend von einem dickeren Rhizoid; c‘ zeigt in schematischer Darstellung die Verzweigung. – d. Kleines Gelocke dünnerer Rhizoide um ein anderes. Bemerkenswert und typisch ist die Schrägstellung der Querwände.
Aus Agerer (1991), Fig. 1, Seite 86.
Rechts: Schematische Darstellung der Abbildung a (rechtes Bild). Verzweigungen in unterschiedlichen Farben angegeben; Pfeile zeigen die Wuchsrichtungen an, Querstriche Querwände der Rhizoide; eng-parallel verlaufende Rhizoide stehen miteinander in engem Kontakt.
Nach Agerer (1991), Fig. 4a, Seite 88
Eingestellt am 21. Februar 2026
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Endpunkt erreicht
