zum Glossar mit Abbildungsverweisen über:

Ulvales, Meersalatalgen

1 Polarisierung (HP)

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Wunderbar warm und sonnig ist es im Wasser des Ufers!

Etwas Schöneres kann es im Leben der Algen nicht geben,

Verschleppte nicht die Strömung viele der Fäden hinaus ins offene Wasser

Hinweg von der lichthellen Wiege, hinab in das Dunkel des Meers?

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In engen Ritzen des Felsengesteins

Finden die Fäden bisweilen nötigen Halt.

Doch manche, der heftigen Strömung ausdauernd trotzend,

Wanken wiegend in Wirbeln des Wassers.

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Cellulosesubstanzen[1] kitten die Fäden dem Untergrund an.

Ein biegsames Oben ist nun entstanden, ein

Festgefügtes, verbreitertes Unten:

Der Grünalgen[2] innovative Polarität.

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Knapp unter dem trennenden Septum benachbarter Zellen

Erweicht die Wand und, dem Turgor geschuldet,

Beult sich ein Fortsatz nach außen, wird länger,

Grenzt sich als Seitenzweig ab.

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Der seitliche Ast strebt gleichfalls nach oben, zielgerichtet der Lichtflut entgegen,

Bleibt kürzer, untergeordnet dem Haupttrieb.

Jede der Zellen ist teilungsaktiv und trägt dazu bei,

Das Fadensystem zu verlängern, zu besetzen den Raum.

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Polarität bringt Arbeitsteilung!

Nicht jede Zelle bleibt omnipotent:

Das Verlängern wird an die Spitze verschoben,

Rückwärts wachsende Fäden verankern die Alge am Grund.

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Wiederholung eines Geschehens!

Denn hunderte Millionen Jahre früher schon

Wechselten Blaualgenfäden[3] die Zellteilungsrichtung.

Nicht wenige Grünalgen teilen jedoch die Zellen synchron.

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Vermehrung der Zellen in seitlicher Richtung

Erweitert Ulva[4] breitlappig nach oben und

Formt, zwei Zellschichten dick, ein echtes Gewebe[5],

Ein Blatt, wie dem heutigen Meersalat[6] ähnlich.

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Nur die äußersten Zellen, am Rande der Fläche,

Übernehmen Reproduktion.

Werden Schwärmer[7] entlassen erscheinen sie heller,

Zieren das Blatt mit bortenartigem Saum.

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Noch heute findet der Sammler blättrigen Meersalat den Küsten entlang.

Gekauft, gekocht, unter Spaghetti gemischt,

Denkt wohl niemand an dessen Ursprung zurück:

An den grünen Urflagellaten mit Zukunftsblick.

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Fußnoten

[1] Cellulose: Unverzweigte Ketten aus Glucose in β-1,4-Verknüpfung; wobei der 6C-Zucker Glucose in Ring-Form geschrieben, das C1 der Aldehydgruppe ist [CH2OHCHOHCHOHCHOHCHOHCHO], davon aus gerechnet ist der vierte Kohlenstoff das C4 ist. In Ringform geschrieben weist die OH-Gruppe des C1 nach oben, wie auch die frei gebliebene CH2OH-Gruppe. Die OH-Gruppen wechseln von 1 bis 4 die Stellung: C1 nach oben, C2 nach unten, C3 noch oben, C4 nach unten, an C5 hängt die nach oben stehende CH2OH-Gruppe.

[2] Grünalgen i.w.S.: Chlorophyta (Plantae – Eukarya)

[3] Blaualgen: Cyanobacteria (Bacteria)

[4] Ulva: Meersalate (Ulvales; nicht separat behandelt – Ulvophyceae – Chlorophyta – Plantae – Eukarya)

[5] Echtes Gewebe, Parenchym: Hierbei sind die Zellen allseits mit den Nachbarzellen durch gemeinsame Zellwände verbunden.

[6] Ulva lactuca: Meersalat (Ulvales; nicht separat behandelt – Ulvophyceae – Chlorophyta – Plantae – Eukarya)

[7] Schwärmer, Zoid: Allgemeiner Ausdruck für begeißelte, bewegliche Zellen (Zoospore oder Gamet)

Eingestellt am 21. Februar 2026

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Ulva lactuca (Meersalat)

Autor: Holger Krisp

Lizenz:  Creative Commons Attribution 3.0 Unported license; unverändert

Eingestellt am 21. Februar 2026

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Ulvales, Meersalatalgen

2 Kurzportrait

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Mit am höchstenentwickelt gilt Ulva[1] und ein paar andere mit

Isomorphem Generationswechsel[2] in dieser Verwandtschaft.

Weil anisogam[3] die Gameten[4] und auf zweierlei Gametophyten[5] entstehen,

Obzwar von gleicher Gestalt, liegen doch Weibchen und Männchen vor:

Mit größeren Gameten, den Weibchen gehörend und

Kleineren, womöglich agileren: sie spielen den männlichen Part.

Zumindest eine Art zeigt heteromorphen Generationswechsel[6] mit

Gleichaussehenden männlichen und weiblichen Gametophyten, doch anders gestaltet zeigt sich ihr Sporophyt[7].

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Wird coccale[8], siphonocladale[9] oder trichale[10] Organisation verwirklicht,

Liegt überwiegend ein haplontischer[11] Lebenszyklus[12] vor und oft Isogamie[13].

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Grundsätzlich sind Gameten zweigeißlig[14] und isokont[15],

Aus denen nach Plasmogamie[16] und Karyogamie[17] Zygoten[18] mit vier Geißeln entsteh’n.

Ohne Ruhepause wachsen zum Sporophyten sie oder zum einzelligen, gestielten,

Großen Meiosporangium[19],[20], das viergeißlige haploide Zoosporen[21] entlässt.

Zoosporen fürs asexuelle Vermehren von Gametophyten, wie auch

Meiozoosporen[22], die zu Gametophyten führen, tragen immerzu vier. –

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Wände isolieren benachbarte Zellen.

Nicht einmal Plasmodesmen[23], geschweige denn Poren[24], stellen Verbindungen her;

Einen Chloroplasten[25] nur besitzt jede der Zellen, der

Tassenförmig, mitunter mit lappigem Rand;

Offen zylindrisch geben sich mancher Arten Chloroplasten, gelegentlich zeigen sie Lücken;

Selten laufen sie schraubig der Zellwand entlang.

Chloroplasten zieren ein bis mehrere Pyrenoide[26],

Die mit Stärkekörnern[27] umhüllt. –

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Ulvophyceen beschränken sich beinahe gänzlich auf marine[28] Habitate,

Gelegentlich kommen ein paar im Brackwasser[29] vor;                                                               

Umfassen mehr als zweihundertundfünfundsechzig Arten,

Die auf fünfunddreißig Genera[30] wurden verteilt.

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Fußnoten

[1] Ulva: Meersalate (Ulvales; nicht separat behandelt – Ulvophyceae – Chlorophyta – Plantae – Eukarya)

[2] Isomorpher Generationswechsel: Haploide Generation (Gametophyt) und diploide Generation (Sporophyt) sind gleich gestaltet

[3] Anisogamie (morphologische): Plasmo- und Karyogamie unterschiedlich gestalteter Gameten

[4] Gameten: Für sexuelle Fortpflanzung vorgesehene haploide Zellen

[5] Gametophyt: Bildet im Generationswechsel mitotisch, da selbst haploid, haploide Zellen (Gameten); oder nur Kerne, die direkt oder nach einer dikaryotischen Phase zur Karyogamie bestimmt sind

[6] Monostroma grevillei: Ulotrichales; nicht separat behandelt (Ulvophyceae – Chlorophyta – Plantae – Eukarya)

[7] Sporophyt: Bildet im Generationswechsel von Sporophyt zu Gametophyt meiotisch (R!), da selbst diploid (oder dikaryotisch), haploide Sporen

[8] Coccal: Sind unbewegliche, runde oder ellipsoide, einzellige Organismen, ohne aufquellende, schleimige Zellwände

[9] Siphonocladal (Algen, Pilze): Schlauchartige, mit einzelnen Septen versehene Röhren (Hyphen), deren Abschnitte vielkernig sind

[10] Trichal (Algen, Pilze, u.a.): Gebaut aus einzellreihigem Faden, wobei jede Zelle funktionell nur einen Zellkern besitzt, n, 2n (oder n+n, Dikaryon, bei Pezizomycotina und Agaricomycotina)

[11] Haplontischer Entwicklungszyklus: Bei diesem Lebenskreislauf ist ausschließlich die Zygote diploid, alles andere haploid

[12] Lebenskreislauf, Lebenszyklus, Entwicklungszyklus, Entwicklungskreislauf: Ein Kreislauf (eigentlich ist es eine Schraube, weil immer Neues entsteht, das zwar dem Anfänglichen gleicht, doch zeitlich später kommt), in dem sexuelle Fortpflanzung erfolgt. Zusätzlich kann noch in regelmäßigem Wechsel eine Phase der asexuellen Vermehrung eingeschlossen sein.

[13] Isogamie: Plasmo- und Karyogamie gleichgestalteter Gameten

[14] Flagellum, Geißel (Eukaryageißel): Charakterisiert durch ihren internen Bau aus 9 peripheren, etwas schräg nach innen gestellten Doppelmikrotubuli (Querschnitt durch die Geißel) und durch ein zentrales Tubulipaar, das etwas Abstand voneinander hält. Dyneinarme verbinden die Mikrotubuli. Die Geißel ist von der Zellmembran umgeben und gefüllt mit Cytosol. Am Übergang der Geißelbasis in den Zellkörper treten spezielle Verstrebungen, Verstärkungen, auf; eine dünne Querplatte (Terminalplatte) trennt oft den untersten, in die Zelle integrierten Teil, der in seiner Struktur einem Centriol entspricht: Es fehlen die beiden zentralen Mikrotubuli und die peripheren Zwillinge wurden zu Drillingen. Die in der Zelle gelegenen Teile der Geißel sind noch durch verwandtschaftsabhängig gestaltete Haltestrukturen verwurzelt.

[15] Isokont: Trägt der Flagellat zwei Geißeln, so sind sie gleichgestaltet und auch gleichlang

[16] Plasmogamie: Verschmelzung der Protoplasten zweier Zellen im Zuge sexueller Fortpflanzung; abgekürzt P!

[17] Karyogamie: Verschmelzung zweier haploider Zellkerne; abgekürzt K!

[18] Zygote: Diploide Zelle, die nach der Verschmelzung zweier haploider Kerne, im Zuge der sexuellen Fortpflanzung entstand

[19] Meiosporangium: Eine sporenbildende Zelle, gelegentlich im Zuge der Sporenbildung geteilt (Basidiomycota), in der Karyogamie (K!) und Meiose (R!), also Verschmelzung haploider Kerne und anschließend den doppelten Chromosomensatz reduzierende Kernteilungen erfolgen und danach Meiosporen entstehen.

[20] Chlorocystis cohnii: Cohns Grüncyste (Codiales; nicht separat behandelt – Ulvophyceae – Chlorophyta – Plantae – Eukarya)

[21] Zoosporen: Einzellige, eigenbewegliche Verbreitungseinheiten

[22] Meiozoosporen, Meioplanosporen: Zoosporen, die in Folge einer Meiose gebildet wurden

[23] Plasmodesmen: Zell-zu-Zell-Verbindungen der Pflanzen. Diese cytoplasmatischen Kanäle (von 30 – 40 nm Durchmesser) dienen dem Stoff- und Informationsaustausch zwischen Zellen.

[24] Querwandporen, Septenporen: Septen, Querwände, von Hyphen (auch Trichome von Rotalgen) sind meist mit einem Porus versehen, der benachbarte Zellen miteinander verbindet. Meist aber sind diese Öffnungen sekundär wieder verschlossen. Diese Verschlüsse sind geeignet, Verwandtschaften zu erkennen.

[25] Chloroplast (allgemein): Zur Fotosynthese befähigter, grüner Chromatophor

[26] Pyrenoid: Eine räumlich begrenzte, lichtmikroskopisch oft gut erkennbare Struktur in Plastiden von verschiedenen Algengruppen und Hornmoosen

[27] Stärkekörner: In Chloroplasten von Pflanzen im Zuge der Photosynthese synthetisierte Zucker werden als Reservestärke in Form von Körnern abgelagert, wobei diese Stärkekörner, abhängig von der Pflanzenverwandtschaft, spezielle äußere und interne Strukturen aufweisen können; sie besitzen einen Durchmesser von 2–150 µm.

[28] Marin: im Meer

[29] Brackwasser: In Mündungsgebieten und in Strandseen sich bildendes Gemisch aus Salz- und Süßwasser

[30] Genera: Gattungen, Plural von Genus

Eingestellt am 21. Februar 2026

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Endpunkt erreicht