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Takakiophytina, Rhizoidlose Laubmoose

1 Über die Zeit gerettet

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Indizien führen hinab zum Devon[1],

An die silurische Grenze[2]:

Ein einziges Merkmal, der Kapsel[3] öffnender Modus, gibt uns den Tipp:

Ein wellig verbogener Schlitz, wie Takakia[4] heute ihn liebt.

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Kapseln, mit spiralig-gedrehten Stielen[5] zur Gruppe vereint,

Sitzen gemeinsam auf einem Etwas,

Vielleicht einem flächigen Thallus[6] nur ähnlich[7]:

Gibt den zwei noch lebenden Arten das Flair des Relikts[8]:

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Doch Takakias Gametophyt[9] wirkt nicht primitiv!

Eine aufrechte Achse mit Blättchen[10] nahe des Gipfels

Erinnert zwanglos an einen häufigen Laubmoostyp,

Ihre Stämmchen aber setzen im Erdboden sich fort.

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Drehrund im Umriss, durchdringen sie blattlos,

Anhänge würden nur stören,

Schichten von Böden feuchter Umgebung

Von Meeresnähe bis zum ewigen Schnee.

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Im Norden Amerikas liegt ihre Heimat,

Auch in Japan, China, Indomalaya.

Sporogonites, ihre mögliche Ahnin,

Lebte damals, wo heute der Norweger wohnt.

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Ohne Rhizoide[11] fristet Takakia

Wohl seit Urzeiten schon ihr kärgliches Leben,

Denn Aufnahmefläche am unterirdischen Stämmchen

Hat sie bestimmt nicht genug!

Wer aber hat nach Pilzen in ihren Zellen gesucht?

Niemand braucht sich darüber zu wundern,

Denn, wer nicht danach forscht,

Darf nicht über fehlende Kenntnis murren!

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Schleimpapillen[12] liefern Gleitmittel der vordringenden Spitze

Zum Schutz vor rauhen, raspelnden Flächen;

Dumm wäre der Pilz, der nicht das Angebot nutzte,

Nach einer wohlfeilen Quelle zu sehn[13].

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Knapp unter dem Boden,

Kriechen andere Stämmchen,

Richten Knospen senkrecht nach oben,

Dem nährenden Licht entgegen, zur Sonne hin.

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Zu dichten, kurzgeschnittenen Rasen vereint

Leben sie kärglich in der umgebenden Luft,

Denn direkter Zutritt über Lücken im Gewebesystem                                                       

Wird CO2 nicht gewährt.

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Fußnoten

[1] Devon-Zeit: vor etwa 416 – 359 Millionen Jahren

[2] Silur-Zeit: Vor etwa 444 – 416 Millionen Jahren

[3] Kapsel, Sporenkapsel (Moose): Mit der oft sehr komplex gebauten sogenannten Kapsel der Moose, werden Sporangien von zusätzlichen Schichten umschlossen; so bekommt dieses Organ die von Sporangien sie abgrenzende Bezeichnung Kapsel.

[4] Takakia: Klaffmoos (Takakiophytina – Bryophyta – Thallophyta – Embryophyta – Streptophyta –…)

[5] Seta (Moose): Basaler, langgestreckter Teil des Sporophyten, der die Mooskapsel aus dem zunächst noch schützenden Bauch des Archegons und evtl. aus noch zusätzlichen Hüllen in die Umwelt streckt

[6] Thallus: Körper von Pflanzen (von Pilzen); nicht in Spross, Blatt und Wurzel gegliedert

[7] Sporogonites (†) (?Takakiophytina – Bryophyta – Thallophyta – Embryophyta – Streptophyta –…)

[8] Relikt: Organismenart, die in einem Gebiet überlebt hat, dessen Klima sich seit ihrer Hochzeit verändert hat, sodass die ursprünglichen Lebensbedingungen nicht mehr gegeben sind, sie aber in geschützten Nischen (Refugien) überdauern konnte

[9] Gametophyt: Bildet im Generationswechsel mitotisch, da selbst haploid, haploide Zellen (Gameten); oder nur Kerne, die direkt oder nach einer dikaryotischen Phase zur Karyogamie bestimmt sind

[10] Blättchen (Moose): Ein blattartiges, flächiges Organ, das äußerlich einem Blatt der Gefäßpflanzen (Tracheophyta) ähnelt, jedoch sich davon im Bau grundlegend unterscheidet; deshalb wird bei Moosen lediglich von Blättchen und nicht von Blatt gesprochen.

[11] Rhizoide: Fadenartige, wurzelähnliche, trichale oder unseptierte Auswüchse zum Festheften von Thallophyten

[12] Papille: Kleine Hervorwölbung einer Zelle

[13] Nach Symbiose bildenden Pilzen

Eingestellt am 21. Februar 2026

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Takakia lepidozioides

Autor: Stu Crawford

Sporogonites eruberans (Tusche, Kreide; Reinhard Agerer)

Rekonstruktion

Nach Taylor et al (2009), Fig. 5.5, Seite 164

Eingestellt am 21. Februar 2026

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Takakiophytina, Rhizoidlose Laubmoose

2 Locker verteilt

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Zwei- oder viergabelig sitzen die Blättchen[1] an Stämmchen[2],

Bleiben ziemlich in Reihe, so, wie die Scheitelzelle[3] sie gibt,

Ähneln, weil rund die Zipfel und spitz, fast einem Horn[4];

Wachsen, meristematisch[5] sich teilend, zum einmaligen Typ.

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Lassen Raum mit größerem Abstand

Für zukunftbestimmend gefüllte Behälter[6],

Nehmen sie schützend in ihre Winkel;

Nicht selten zwei, oftmals genügt einer ihnen davon.

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Dem zufallsbedingten Verspritzen und Treffen der Spermatozoide[7] als Folge,

Hüten die Pflänzchen Antheridien[8] in höherer Zahl;

Archegonien[9], gleichfalls am Stämmchen verteilt,

Warten bisweilen vergebens, auf eines Erhofften Wahl.

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Findet dann doch der Eizelle Partner zu ihr seinen Weg,

– Dichte Mischung von Pflänzchen,

Weiblich die einen, männlich die andern,

Sorgt für ausgedehnten Erfolg –

Vereinen sie zur Zygote[10] sich und

Bringen den sporenbildenden Sprössling[11] auf seinen Weg.

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Fragt sich nur noch warum

Antheridien wie Orangen[12] sich färben?

Wollen sie jemand gefallen?

Der weiblichen Pflanze sicherlich nicht,

Sie wartet geduldig in Pose;

Oder hat das Männchen gar Revolutionäres im Sinn?

Will es Vektoren mit Flügeln und Beinchen[13] gefallen,

Die womöglich nach tropfenumhüllten Spermatozoiden seh’n?

Vielleicht bleiben doch einige außen unverspeist hängen und

Finden damit zum Weibchen den Weg.

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Langsam streckt er[14] sich, seine Zellen mit der Mutter verzahnend[15],

Kapselbildend[16] aus ihrem hüllenden Bauch[17].

Nimmt zum einstweiligen Schutz

Des Archegons sich vergrößernden Hals

Als rundum geschlossene, schlitzlose Mütze auf seinen Kopf[18],

Bringt die Sporen[19], auf Columellas[20] domartigen Rücken hebend,

Im Innern zu reifen, auf Trab.

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Die dünne, trocknende Hülle[21] fortwerfend,

Dreht er sich rechtsherum um seine Achse,

– Dreihundertundsechzig Grad –

Nicht nur den Stiel[22], auch die Kapsel bezieht er mit ein

Und reißt, sie überdehnend,

Ihr einen welligen Schlitz.

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Der Öffnung entquellend,

Springen die Sporen luftigen Wellen[23] auf ihren Rücken,

Lassen sich weithin vertragen,

Rieseln dann aber langsam herab.

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Was werden sie tun? Was ist ihr Ziel?

Pflänzchen werden sie bilden mit

Antheridien in ihrer Blättchen Achseln,

Andere mit je nur einem achselständigen[24] Archegon!

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Fußnoten

[1] Blättchen (Moose): Ein blattartiges, flächiges Organ, das äußerlich einem Blatt der Gefäßpflanzen (Tracheophyta) ähnelt, jedoch sich davon im Bau grundlegend unterscheidet; deshalb wird bei Moosen lediglich von Blättchen und nicht von Blatt gesprochen.

[2] Stämmchen (Moose): Eine aufrechte oder liegende Achse, die äußerlich einem Spross der Gefäßpflanzen (Tracheophyta) ähnelt, jedoch sich davon grundlegend in Bau und Funktion unterscheidet; deshalb wird bei Moosen lediglich von Stämmchen und nicht von Spross (Stamm) gesprochen.

[3] Scheitelzelle: Eine Zelle am oberen Ende eines Organismus (Plantae, Chromalveolata), die durch ständige Teilung für das Verlängern, Vergrößern, sorgt, weil, davon ausgehend, alle weiteren Zellen entstehen, also von ihr abstammen

[4] Horn eines Rinds

[5] Meristematische Zonen, Meristeme: Ständig teilungsaktive Zonen aus undifferenzierten Zellen, die immer neue Zellen für Differenzierung in verschiedene Gewebe liefern

[6] Antheridien, Archegonien

[7] Spermatozoide, Spermatozoen, Spermien: Reife, männliche, haploide Keimzellen; Gameten, die im Normalfall zu eigenständiger Bewegung fähig sind

[8] Antheridium (Moose, Farne): Behälter mit einzellschichtiger Wand, dessen vielzelliges Zentrum pro Zelle ein Spermatozoid entlässt

[9] Archegon, Archegonium (Moose, Farne): Besitzen eine einzellschichtige Wand (Wandzellen) mit schnabelartig ausgezogenem, anfangs mit einer Zellreihe gefülltem Hals (Halskanalzellen), die sich im Zuge der Spermatozoidenanlockung auflösen; auch die Bauchkanalzelle, als Schwesterzelle der Oocyte entstanden, löst sich dann auf.

[10] Zygote: Diploide Zelle, die nach der Verschmelzung zweier haploider Kerne, im Zuge der sexuellen Fortpflanzung entstand

[11] Sporophyt: Bildet im Generationswechsel von Sporophyt zu Gametophyt meiotisch (R!), da selbst diploid (oder dikaryotisch), haploide Sporen

[12] Orangen: Citrus sinensis (Aurantioideae – Rutaceae – Sapindales – Malvanae – Rosidae –…)

[13] Insekten: Hexapoda (Tetraconata – Mandibulata – Arthropoda – Panarthropoda – Ecdysozoa –…)

[14] Sporophyt

[15] Um eine größere Kontaktoberfläche zu bilden

[16] Kapsel, Sporenkapsel, Mooskapsel (Moose): Mit der oft sehr komplex gebauten sogenannten Kapsel der Moose, werden Sporangien von zusätzlichen Schichten umschlossen; so bekommt dieses Organ die von Sporangien sie abgrenzende Bezeichnung Kapsel.

[17] Archegonbauch

[18] Calyptra (Bryophyta): Vom Archegon stammende, daher haploide Haube der diploiden Sporenkapsel

[19] Aplanosporen: Nichteigenbewegliche, geißellose Sporen

[20] Columella (Laubmoose): Domförmige oder Säulenartige Struktur in der Mitte der Mooskapsel

[21] Calyptra

[22] Seta (Moose): Basaler, langgestreckter Teil des Sporophyten, der die Mooskapsel aus dem zunächst noch schützenden Bauch des Archegons und evtl. aus noch zusätzlichen Hüllen in die Umwelt streckt

[23] Luftwirbel

[24] In der Achsel eines Blättchens

Eingestellt am 21. Februar 2026

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Endpunkt erreicht