zum Glossar mit Abbildungsverweisen über:

Anthocerophyta, Hornmoose

1 Ohne Beispiel

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Wie winzige, grünliche Hörner,

Manche fahl und gespalten in links- und rechtsstehende Klappen,

Mit nach oben stehendem mittigen Faden,

Entspringen sie grünlich-lappigen, rundlichen Thalli[1].

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Nicht gänzlich entzweit sich das leicht gebogene Horn[2]:

Seine jüngste Partie, einer Tüte des Thallus entspringend,

Wächst, je weiter der Gipfel schon klafft,

So als wollte es Altes ersetzen, immerzu nach und steil in die Höh.

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Teilungsaktiv erhält es basal eine Zone[3],

Liefert ununterbrochen jungfräuliche Zellen für Gewebe dreierlei Art:

Zentrale für Columellas[4] Regeneration,

Randliche bilden die klaffende Wand des hornförmigen Streugutbehälters[5];

Dazwischen schieben sich als Schwestern Sporenmutterzellen[6] und welche für Elateren[7],

Die, meiotisch[8] zu Viererpaketen sich wandeln[9], die andern[10] mitunter mitotisch[11].

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Sporen vereinzelt, mit Elaterenhilfe gelockert,

Pudern, wenn sich die Kapsel[12] spaltet

Und Winde lockernd vorüberzieh’n,

Aus dem Innern in kleinen Portionen heraus.

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Risikostreuen[13], das biologisch wichtige Handlungsprinzip,

Verwirklicht Anthoceros[14], das Hornbildende Moos,

Durch ständigen Nachschub neu gebildeter Sporen,

Verlängert signifikant des Streuguts[15] Ausbreitungszeit.

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Fußnoten

[1] Thallus: Körper von Pflanzen (von Pilzen); nicht in Spross, Blatt und Wurzel gegliedert

[2] Sporophyt: Bildet im Generationswechsel von Sporophyt zu Gametophyt meiotisch (R!), da selbst diploid (oder dikaryotisch), haploide Sporen

[3] Meristematische Zonen, Meristeme: Ständig teilungsaktive Zonen aus undifferenzierten Zellen, die immer neue Zellen für Differenzierung in verschiedene Gewebe liefern

[4] Columella (Laubmoose): Domförmige oder Säulenartige Struktur in der Mitte der Mooskapsel

[5] Mooskapsel, Kapsel, Sporenkapsel (Moose): Mit der oft sehr komplex gebauten sogenannten Kapsel der Moose, werden Sporangien von zusätzlichen Schichten umschlossen; so bekommt dieses Organ die von Sporangien sie abgrenzende Bezeichnung Kapsel.

[6] Sporenmutterzelle: Diploide Zelle, die nach Meiose haploide Sporen bildet

[7] Elateren (Lebermoose, Hornmoose): Schraubenförmige oder schraubenförmig verstärkte Zellen in Sporenkapseln von Lebermoosen und Hornmoosen, die die Sporenausbreitung fördern

[8] Meiose, meiotisch: Meiose dient der Reduktion eines diploiden Chromosomensatzes zu haploiden Sätzen. Dabei werden einander entsprechende Chromosomen, im Kern sich dann mittig in einer Ebene gegenüberstehend, gepaart und anschließend in entgegengesetzter Richtung („polwärts“) separiert. Dieser Vorgang wird auch als Reduktionsteilung (oft abgekürzt als R! und zugleich stellvertretend für die ganze Meiose verwendet) bezeichnet. Da die voneinander getrennten haploiden Chromosomen schon zu Chromatiden verdoppelt sind, schließt sich an die Reduktionsteilung noch eine mitotische Teilung an, so dass vier haploide Kerne letztlich vorliegen; abgekürzt mit R!.

[9] zu Sporen

[10] Dann sind diese Elaterenmutterzedllen

[11] Mitose, mitotisch: Im Kern mittig in einer Ebene versammelte Chromosomen bildeten je zwei identische Chromatiden, die bei der Mitose durch Mikrotubuli separiert werden und, von einer Zellwand getrennt, als identische Chromosomensätze der entstandenen Zellen wirken; abgekürzt M!

[12] Mooskapsel

[13] Risikominimieren, Risikostreuen: Ein entscheidendes Prinzip der Evolution. Um Verluste an möglichen Nachkommen möglichst zu reduzieren, haben sich erfolgversprechende Strategien entwickelt; z. B. Risikostreuen, was bedeutet, nicht alles auf eine Karte zu setzen, nicht alle Sporen, Samen oder Früchte, auf einmal reifen zu lassen und in einem Schub zu verbreiten. Zeitliche Streuung z. B. erhöht die Wahrscheinlichkeit, günstige Zeiten für die Verbreitung durch Vektoren zu treffen, oder Perioden für günstiges Wachstum oder fürs Überleben, etc. Freilich wird dabei während eines Zeitpunktes die Menge der Verbreitungseinheiten geringer, doch am Ende wird sich diese Strategie evolutiv für den Organismus lohnen. Wenn aber Organismen fürs Wachstum auf zeitlich beschränktes Vorkommen günstiger Bedingungen angewiesen sind, wird eine explosionsartige Vermehrung die günstigste Lösung sein; in diesem Zusammenhang sind dann schnell reagierende Nebenfruchtformen mit ihren asexuell entstandenen Verbreitungseinheiten von Vorteil, z. B. dann, wenn ein Substrat (Stärke, Zucker, Partner eines Symbionten, Wirt eines Parasiten) stark umworben ist oder nur kurzzeitig zur Verfügung steht. Dieses Risikostreuen ist vergleichbar mit der Risikominimierung, die Aktieninhaber anwenden, wenn sie unterschiedlichste Aktien in ihrem Portfolio sammeln.

[14] Anthoceros: Hornmoos (Anthocerophyta – Thallophyta – Embryophyta – Streptophyta – Plantae –…)

[15] Sporen und Elateren

Eingestellt am 21. Februar 2026

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Oben: Anthoceros angustus (Schmales Hornmoos)

Autor: Manju C.Nair

Lizenz:  Creative Commons Attribution 4.0 International license; unverändert

Unten: Anthoceros agrestis (Acker-Hornmoos)

Autor: BerndH

Lizenz: Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported license; unverändert

Eingestellt am 21. Februar 2026

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Anthoceros (Tusche und Kreide in Falschfarbendarstellung; Reinhard Agerer)

Links unten: Verschiedene Entwicklungsstadien von noch jungen Antheridien, eingeschlossen in einer oberflächennahen Höhlung des Gametophytenthallus.

Hellbraun: spermatogene Zelle und spermatogenes Gewebe; hellgrau: Interzellulare (Höhlung)

Darüber: Junges in den Thallus eingeschlossenes Stadium eines Archegons.

Eizelle (gelb), Bauchkanalzelle (rötlichbraun); darüber Halskanalzellen und zwei Deckelzellen

Darüber: Spaltöffnung des Sporophyten mit zwei bohnenförmigen Schließzellen.

Hellgrau: Interzellulare

Links oben: Spermatozoid

Rechts: Basis eines Sporophyten.

Sporenmutterzellen und junge Sporentetraden (dunkelgelb; links oben eine Sporentetrade räumlich dargestellt; andere im Schnitt mit mercedessternartiger Struktur; Zellkerne dunkelgrau; Ein-, Zwei- und Vierkernstadien der Sporenmutterzellen), Elateren-, bzw. Elaterenmutterzellen (hellgelb; Zellkerne nicht dargestellt) im sporogenen Gewebe (Archespor), die zentrale, säulenförmige Columella umgebend; außen von der Kapselwand geschützt; meristematische Zone (seitlicher Strich); den Sporophytenfuß umgebende, sich mit dem Gametophyten verzahnende Plazentazone (hellblau).

Nach Frey & Stech (2009), Fig. 6-1; 4, 5, 8, 18, Seite 260

Eingestellt am 21. Februar 2026

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Anthocerophyta, Hornmoose

2 Wo auch immer, nicht allein

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Eine uralte Sippe, aus dem Devon[1] herkommend,

Bewahrte sich die Vorliebe für sauren[2] Boden aus hartem Gestein.

War damals bestimmt nicht an Kalkstein[3] gewöhnt;

Woher sollte er in devonischen Zeiten auch kommen?

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Stickstoffarmut für erste Landpflanzen,

Wie auch heute, ein arges Problem,

Vertrieb die Sippe nicht von der Erde,

Denn Außergewöhnliches kam ihnen zupass.

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Schleimvolle Höhlen der substratnahen Sohle

Fanden Nostoc[4]-Fäden sehr attraktiv;

Einmal als hilfreich empfunden, bewohnen sie ohne weiter zu fragen die Kammern!

Den Hornmoosen[5] kamen sie recht, blieben bis in die heutige Zeit.

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Als Prokaryot[6] lebt Nostoc vom molekularen Stickstoff der Luft[7] und

– Moosen und anderen Pflanzen bleibt seine Nutzung verwehrt –

Gibt, nicht allem kann er den Austritt verwehren,

Stickstoff, an Moleküle gebunden oder auch ionisch, in umgebenden Schleim.

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Anthoceros[8] lässt sich’s gefallen.

Nimmt davon, was er nur kann

Und Nostoc, auch nicht bescheiden,

Greift auf schleimgebundene Zucker des Wirtes zurück.

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War es nur diese Kooperation,

Von der Anthoceros so sehr profitierte, um

Zumindest mit zehn Dutzend Arten

Heute Kunde von seiner Verwandtschaft zu geben?

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Nein, er trug selbst dazu wesentlich bei!

Senkte Antheridien[9] von oben zu kleinen Gruppen in Höhlungen ein,

Differenzierte Archegonien[10] aus dem Thallus[11] heraus,

Umgibt den Jungsporophyt[12] mit bergendem Thalluswall[13].

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Fußnoten

[1] Devon-Zeit: vor etwa 416 – 359 Millionen Jahren

[2] Saurer pH: pH (Potential des Wasserstoffs) von 0 bis kleiner 7

[3] Kalkstein: Stein aus Kalk

[4] Nostoc: Gallertkugel (Cyanobacteria – Bacteria)

[5] Hornmoose: Anthocerophyta (Thallopyta – Embryophyta – Streptophyta – Plantae – Eukarya)

[6] Prokaryo(n)t: Organismus, der keinen echten Zellkern besitzt, sondern einfache, meist ringförmige Chromosomen frei in einem zentralen Bereich liegen hat

[7] Luftstickstoff fixieren: Nur Prokaryoten sind in der Lage, aus dem inerten, molekularen Luftstickstoff (N2) den von Organismen verwendbaren Ammomiumstickstoff zu gewinnen

[8] Anthoceros: Hornmoos (Anthocerophyta – Thallophyta – Embryophyta – Streptophyta – Plantae –…)

[9] Antheridium (Moose, Farne): Behälter mit einzellschichtiger Wand, dessen vielzelliges Zentrum pro Zelle ein Spermatozoid entlässt

[10] Archegon, Archegonium (Moose, Farne): Besitzen eine einzellschichtige Wand (Wandzellen) mit schnabelartig ausgezogenem, anfangs mit einer Zellreihe gefülltem Hals (Halskanalzellen), die sich im Zuge der Spermatozoidenanlockung auflösen; auch die Bauchkanalzelle, als Schwesterzelle der Oocyte entstanden, löst sich dann auf.

[11] Thallus: Körper von Pflanzen (von Pilzen); nicht in Spross, Blatt und Wurzel gegliedert

[12] Sporophyt: Bildet im Generationswechsel von Sporophyt zu Gametophyt meiotisch (R!), da selbst diploid (oder dikaryotisch), haploide Sporen

[13] Perichaetiumartige Hülle, die dem Thallus entspringt, nicht dem Archegon, wie dies bei Lebermoosen der Fall

Eingestellt am 21. Februar 2026

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Anthocerophyta, Hornmoose

3 Fast hätte er den Zuschlag bekommen

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Wer hätte gedacht, als Thalli[1] in Mode noch waren,

Dass rundlich-zerlappte Gebilde,

Chloroplasten[2] einsparend, nur einen pro Zelle sich leistend,

Beinahe den ganzen Planeten mit seiner Verwandtschaft würde verseh‘n?

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Anthoceros[3] war der Thallus zum Schicksal geworden,

Lernte nicht, trotz des genialen Entwurfs,

Mit Meristemen[4] massive Gewebe zu bilden,

Sich aufzurichten, nach oben zu streben.

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Setzte nichts funktionell Modernes Widersachern entgegen.

Blieb, er nahm es hin, einfach nur Moos.

Sein Innerstes aber, seine Gene, empfinden

Wie ihre erfolgreichen Schwestern[5] bereits.

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Sie aber ergriffen mit List,

Um Freiraum für sich zu gewinnen, die chemische Keule[6],

Verstärkten Wasserleitungssysteme,

Übertreffen um Längen der Moose Gewinn.

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Noch eines machen sich Tracheophyta zur Mode:

Holen Glomeromycota[7] in sich,

Nehmen sie als Symbionten[8] in ihre Sporophyten[9],

Die mit dem Boden direkt in Kontakt.

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Fußnoten

[1] Thallus: Körper von Pflanzen (von Pilzen); nicht in Spross, Blatt und Wurzel gegliedert

[2] Chloroplast (allgemein): Zur Fotosynthese befähigter, grüner Chromatophor

[3] Anthoceros: Hornmoos (Anthocerophyta – Thallophyta – Embryophyta – Streptophyta – Plantae –…)

[4] Meristematische Zonen, Meristeme: Ständig teilungsaktive Zonen aus undifferenzierten Zellen, die immer neue Zellen für Differenzierung in verschiedene Gewebe liefern

[5] Tracheophyta: Stelenpflanzen i.w.S. (Embryophyta – Streptophyta – Plantae – Eukarya)

[6] Bildung von Lignin: Eine äußerst stabile und resistente, aus vielen phenolischen Verbindungen zusammengesetzte, daher braune Raumnetzstruktur; eine Substanz, die nur bei Tracheophyta (Stelenpflanzen i.w.S.) vorkommt.

[7] Glomeromycota: Urlandpilze (Multikarya – Unbegeißelte Chitinpilze – Fungi – Opisthokonta – Eukarya)

[8] Symbionten: Organismen, die wechselseitig zu beiderseitigem Vorteil dem anderen nehmen; auch als wechselseitige Parasiten verstehbar

[9] Sporophyt: Bildet im Generationswechsel von Sporophyt zu Gametophyt meiotisch (R!), da selbst diploid (oder dikaryotisch), haploide Sporen

Eingestellt am 21. Februar 2026

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Endpunkt erreicht