zum Glossar mit Abbildungsverweisen über:

Porellales, Kahlfruchtmoose

1 Abseits

.

Mehr abseits vom Boden, oft auf lebenden Pflanzen,

Weichen Porellales der Konkurrenz,

Verzichten, sich selbst mit Allem versorgend,

Auf pilzliche Hilfe[1] wieder komplett.

.

Rhizoide[2] dreh‘n zum Docht[3] sie dafür,

Holen so kleinste,

Lang an den Flächen schon fließende Tröpfchen,

Leiten mobil gewordene Ionen[4] damit

An des Stämmchens[5] Zellen heran;

Oberschlächtige[6] Blätter sammeln Tau und nebelnde Nässe,

Nehmen gerne auch Regen dafür,

Führen Pflänzchen ihr Sammelgut zu.

.

Seitliche Blättchen bilden zwei Lappen:

Der größere oben, zur unterseits offenen Schale gekrümmt,

Sein Partner schmiegt sich zum Wasserbewahren ans Stämmchen,

Oder formt zum reservefassenden Tank sich um.

.

Eintausendfünfhundertmal realisierte ihre Verwandtschaft dieses Prinzip,

Epiphytisch[7] an Stämmen und Blättern zu leben.

Nur mit keimenden Sporen hatten sie vormals noch Sorge

Sie zu verlieren, lagen doch sie ungeschützt exponiert.

.

Aber auch hier fiel Vorfahren Grandioses ein:

Ließen die Sporen im Innern schon keimen;

Nach mehrfacher Teilung, geschützt von der Spore dickeren Wand,

Ergrünten sie rasch nach Verlust ihrer Hülle,

Klebten sich fest an des Blattes glänzende Fläche,

Oder in Ritzen des Stamms, eines Steins,

Fielen nicht mehr, vom Wind nicht selten gerüttelt,

Vom gewonnenen Platz in die Tiefe hinab.

.

Fest haftet das liegende Pflänzchen,

Hebt sich nicht vom Untergrund ab,

Denn nur seitlich entstehen die Ästchen,

Nicht am Bauch wie der Jungermanniales Manier!

.

Nur, keiner noch hat eine durchaus mögliche Chance erfasst.

Wär‘ dies gewesen, was wäre dann noch alles gescheh’n?

.

Keinen Schutz für Sporophyten[8] entwickelten sie!

Denn Perichaetien[9] standen nicht im Programm.

Ein Perianth[10] genügte, den Jungsporophyt zu umhüllen,

Ihn zu schützen, folglich die Sporen reichlich zu disseminieren.

Mit Brutkörpern[11] Thalli[12] clonal[13] zu verbreiten,

Gilt manchen als wertvolle Zusatzoption.

.

Fußnoten

[1] Glomeromycota und Sebacinales

[2] Rhizoide: Fadenartige, wurzelähnliche, trichale oder unseptierte Auswüchse zum Festheften von thallösen Pflanzen

[3] Dochtartig: Eigenschaft, wenn feine Fäden verflochten (oder auch annähend parallel) verlaufen und in ihren Zwischenräumen Flüssigkeiten aufsaugen und, wenn am anderen Ende entnommen, rein physikalisch transportieren können.

[4] Nährionen: Ionen, die für die Ernährung von Organismen von Bedeutung sind

[5] Stämmchen (Moose): Eine aufrechte oder liegende Achse, die äußerlich einem Spross der Gefäßpflanzen (Tracheophyta) ähnelt, jedoch sich davon grundlegend in Bau und Funktion unterscheidet; deshalb wird bei Moosen lediglich von Stämmchen und nicht von Spross (Stamm) gesprochen.

[6] Oberschlächtige Blättchen (Jungermanniidae): Wird auf ein liegendes Stämmchen von oben Richtung Spitze des Stämmchens geblickt, überlappen die unteren Blättchen mit ihrem oberen Randbereich die unteren Randbereiche der darüberstehenden Blättchen; so wie ein Dach mit Dachziegeln nicht gedeckt ist, weil sonst der Regen ins Haus eindringen könnte.

[7] Epiphytisch: Lebensweise, von Pflanzen oder Mikroorganismen, die auf einer Pflanze wachsen, ohne ihr Nährstoffe zu entziehen oder sie zu schädigen. Epiphyten beziehen ihre Nährstoffe und Feuchtigkeit aus der Luft, dem Regen und herabfallenden organischen Materialien.

[8] Sporophyt: Bildet im Generationswechsel von Sporophyt zu Gametophyt meiotisch (R!), da selbst diploid (oder dikaryotisch), haploide Sporen

[9] Perichaetium: Einzelhülle (Marchantiophyta): Archegonstielen entspringende sackartige Hülle

[10] Perianth (Jungermanniidae): Zu einem Becher verwachsene, Geschlechtszellbehälter umgebende Blättchen

[11] Brutkörper: Mehrzellige, meist wenig differenzierte, vegetative Organe, die ungeschlechtlicher Fortpflanzung dienen

[12] Thallus: Körper von Pflanzen (von Pilzen); nicht in Spross, Blatt und Wurzel gegliedert

[13] Clonale Vermehrung: Asexuelle Vermehrung (rein mitotisch bedingte Vermehrung, daher Individuen genetisch identisch)

Eingestellt am 21. Februar 2026

.

Porellales, Kahlfruchtmoose

2 Voran

.

Papua Neuguinea, das Land der Sehnsucht, manch eines Forschers!

Gebirge, zerklüftet, der Insel entlang,

Mannsenge Schluchten von tropfenden Bäumen beschattet,

Bergen die Fülle von Wesen, viele bis heute inkognito.

.

Nur mühsam folgen die Fremden

Nach Verlassen der Einheimischen Dorf

Dem bald sich verschmälernden Pfad

Bis tropischer[1] Wald[2] sie mit Feuchte umfängt.

.

Fremd uns anmutende Rufe

Im Geäst getarnt uns beäugender Vögel[3]

Übertönen nur manchmal den rauschenden,

Nicht aus dem Auge uns kommenden Bach;

Überstreifen musternd Bäume am Rande des Weges,

Bemerken nicht, wie der Begleiter im Wald sich verliert.

.

Ein wenig ratlos, die willkommene Rast aber genießend,

Warten wir gar nicht so lang

Bis freudig grinsend der Nebenbeijäger den

Bunten Vogel, nicht größer als ein Spatz[4],

Tot, dennoch warm und beweglich,

In seiner Handfläche liegend, uns zeigt.

.

Das Jagdgerät, eine Astgabel, kaum männerhandlang,

Mit Gummi und zwischengespanntem Rechteck aus Leder,

Hält er noch in der zielsicheren Hand

Als er den leblosen Vogel in seinen Stoffbeutel wirft.

.

Mehr als erstaunt ob seiner Waffe,

Auch wegen der Kleinheit der Beute,

Erklärt er lapidar:

„Protein, Protein“!

.

Fußnoten

[1] Tropen, tropisch: Klimazone zwischen Äquator und Wendekreisen

[2] Urwald: Wald, der vom Menschen weder genutzt noch jemals gerodet wurde

[3] Vögel: Aves (Maniraptora – Coelurosauria – Tetanurae – Theropoda – Saurischia – …)

[4] Sperling: Passer (Passeridae – Passeroidea – Passerida – Passerini – Passeriformes –…)

Eingestellt am 21. Februar 2026

.

Porellales, Kahlfruchtmoose

3 Frullania

.

Wie so oft auf Expedition[1],

Um neue Arten, noch Unentdecktes zu finden,

Entwickelt erzwungene Rast sich zu unerwartetem Glück:

Ruhig und fern jedes Aufmerksamkeit fordernden Schrittes,

Streift der prüfende Blick,

Scheinbar Bekanntes von Andersartigem trennend,

Ruhig musternd über jedes Objekt,

Bis er, eine Stelle mehrfach mit Blicken umkreisend,

Sich, neugierig hoffend, auf eine ausgewählte fixiert

Und, wie von magischen Fäden gezogen,

Den Bryologen[2] an die auserkorene Stelle führt.

.

Zu einem dunkelgrünen Belag

An der Basis des silberborkigen[3] Baumes

Strebt nun, mit Lupe und Messer bewaffnet,

Voll gespannter Erwartung Asai[4].

.

Locker und zierlich, dennoch entschieden die glatte Stelle bedeckend,

Liegen, räupchengleich, blattdichte[5] Stämmchen[6],

Hellgrüne Zweigspitzen schräg von sich spreizend,

Oberschlächtige Blätter[7] fest aneinandergelegt.

.

Vorsichtig löst Asai mit dem Messer,

– Fast zu kurz ist die Kette, an die es sichernd gehängt –

Ein paar der Triebe vom festhaltenden Grund

Und legt sie, Rücken nach oben zunächst, auf seine Hand.

.

Fachmännisch hebt er die Lupe nahe ans Auge,

Sein Gesichtsfeld möglichst zu weiten,

Drückt seine Nase dicht an das Moos und –

Erkennt nichts!

.

Zu dunkel ist es hier an der Stelle.

Er selbst schirmte die letzte Helligkeit ab.

– Wie oft schon wünschte er sich eine Leuchtlupe und

Ärgert sich wieder über den unerschwinglichen Preis. –

.

Ein kleiner Fleck, von der Sonne auf den Boden gemalt

Am Rande des Weges, gibt ihm Hoffnung auf Licht.

– Erneute Versuche mit seiner Lupe –

Da ist er sicher: Frullania[8], ein Wassersackmoos!

.

Wassersäcke am unteren Rand der Blättchen,

Gefüllt, so fallen sie rasch in den Blick,

Liefern den letzten Beweis:

Er hält eine der fünfzig Arten PNGs[9] in der Hand.

.

Vorsichtig nimmt er den größeren Teil des zerschnittenen Rasens,

Tütet ihn ein, Brotzeitbeutel dazu verwendend,

Legt ihn zum andern bereits gesammelten Gut und

Wartet gespannt, was sein Mikroskop zu Hause weiter enthüllt. –

.

Fußnoten

[1] Expedition: Forschungsreise einer Personengruppe

[2] Bryologen: Experten, die sich mit Moosen beschäftigen

[3] Borke: Äußerste, tertiär entstandene Abschlussschicht an Bäumen; Korkschichten trennen, um entstandene Risse zum lebenden Gewebe hin wieder abzudichten, Teile des Bastes ab, die danach absterben und artabhängig in unterschiedlichen Formen abblättern; sekundäres Abschlussgewebe ist Rinde; primäres die Epidermis. 

[4] Name des begleitenden Wissenschaftlers

[5] Blättchen (Moose): Ein blattartiges, flächiges Organ, das äußerlich einem Blatt der Gefäßpflanzen (Tracheophyta) ähnelt, jedoch sich davon im Bau grundlegend unterscheidet; deshalb wird bei Moosen lediglich von Blättchen und nicht von Blatt gesprochen.

[6] Stämmchen (Moose): Eine aufrechte oder liegende Achse, die äußerlich einem Spross der Gefäßpflanzen (Tracheophyta) ähnelt, jedoch sich davon grundlegend in Bau und Funktion unterscheidet; deshalb wird bei Moosen lediglich von Stämmchen und nicht von Spross (Stamm) gesprochen.

[7] Oberschlächtige Blättchen (Jungermanniidae): Wird auf ein liegendes Stämmchen von oben Richtung Spitze des Stämmchens geblickt, überlappen die unteren Blättchen mit ihrem oberen Randbereich die unteren Randbereiche der darüberstehenden Blättchen; so wie ein Dach mit Dachziegeln nicht gedeckt ist, weil sonst der Regen ins Haus eindringen könnte.

[8] Frullania: Wassersackmoos (Porellales; aktuell separate Ordnung Jubulales – Jungermanniidae – Jungermanniopsida – Marchantiophyta – Thallophyta –…)

[9] PNG, gesprochen Pi eN Gi: Papua Neuguinea

Eingestellt am 21. Februar 2026

.

Oben: Frullania dilatata Habitus

Dicht anliegender Rasen

Autor: Bernd Haynold

Lizenz: GNU Free Documentation License; unverändert

Mitte: Frullania fragilifolia, Bruchblättriges Wassersackmoos

https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Frullania_fragilifolia_(b,_144921-474543)_7798.JPG

Unten: Frullania dilatata Wassersäcke an Unterlappen der Flankenblätter; Wassersäcke mit eingeschlossener Luftblase (Artefakt), deutlicher Öffnung; Zellen erkennbar.

Lizenz: Public domain; unverändert

Eingestellt am 21. Februar 2026

.

Endpunkt erreicht