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Sphagnophytina, Torfmoose

1 Versenkt

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Niemand kennt den Anlass, warum der ältere Mann

Mit einem Seil um den Hals zu Tode kam.

War er selbst ein Räuber, ein Dieb, ein Mörder,

Der die vermeintlich gerechte Strafe erlitt,                                                    

Oder fiel er zum Opfer einem Verbrechen und sein Mörder,

So glaubte er wohl, ihn für immer verschwinden nun ließ? –

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Ein friedvolles Lächeln umspielt sein Gesicht!

Die Schlinge noch fest um den Hals,

Bedeckte ihn dunkelnder Schlamm.

Dann sanken sterbende Blättchen[1],

Betteten ihn im Laufe Tausender Jahre

Sanft und weich mit dickem Plumeau[2] für die ewige Ruh. –

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Ins Auge des Moores[3] versenkten die Häscher den Armen,

Vielleicht noch lebend – o grässlicher Tod! –

Sah er dennoch, trotz seiner Qualen, am Ende den Himmel,

Bereitet für ihn?

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Das Auge des Moores schloss sich für immer!

Torfmoose deckten es nach und nach zu:

Pioniere, wasserliebend und flink, machten den Anfang,

Bereiten den Boden für andere vor;

Zuletzt wachsen Gräser, sterben und sinken.

Ein Teppich, trügerisch, bedeckt den blubbernden Sumpf! –

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Torf[4] stechen die Männer für Brennstoff und Mull[5];

Halten vorsichtig inne als sie Gewandstücke sehn,

Beenden ihr Graben,

Überlassen Archäologen verwundert den Stich[6],[7].

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Fußnoten

[1] Blättchen (Moose): Ein blattartiges, flächiges Organ, das äußerlich einem Blatt der Gefäßpflanzen (Tracheophyta) ähnelt, jedoch sich davon im Bau grundlegend unterscheidet; deshalb wird bei Moosen lediglich von Blättchen und nicht von Blatt gesprochen.

[2] Plumeau: Federbett, Federdecke

[3] Moorauge: Offenes Wasser führendes Zentrum von Mooren

[4] Torf: Organisches Sediment, das sich durch die Zersetzung von abgestorbenen Torfmoosen und anderen torfbildenden Pflanzenteilen weit überwiegend in Mooren bildet. Es liegen anaerobe Verhältnisse vor, wodurch der Abbau der akkumulierten organischen Substanz stark gehemmt ist.

[5] Torfmull: getrockneter, gelockerter Torf

[6] Torfstich: Stelle, an der Torf gestochen wird

[7] Nach einem Titelbild eines Archäologiebuches; Buch und Titel nicht mehr auffindbar

Eingestellt am 21. Februar 2026

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Sphagnophytina, Torfmoose

2 Zum Saugen geboren

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Köpfchen, Sitzpolstern für Zwerge fast gleich,

Recken sich, wie fest von sich überzeugt, der Sonne entgegen,

So als bestünde, weil selbst zu großen Polstern vereint,

Nicht des Vertrocknens Gefahr.

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Ihre alles füllende Menge verleiht ihnen Stärke,

Halten Wasser zwischen den Stämmchen[1],

Holen es, wenn zu trocken das Haupt,

Von unten, von weit unten oft, je nach Bedarf.

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Und, reißt der Nachschub doch einmal ab,

Lassen sie ruhig die Sonne gewähren:

Ihr das kostbare Wasser gebend, erbleichen sie,

Reflektieren der Sonne Strahlen,

Schützen vor starkem Erwärmen sich so,

Retten den letzten Rest vor Verlust.

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Geduldig warten sie, bis die Sonne verschwindet,

Auf fallende Nässe von oben;

Füllen schnellstens die wasserspeichernden Zellen,

Ergrünen wieder zu tätigem Leben dann.

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Günstlinge sind sie, Liebling der Evolution.

Denn viele Strategien wirken zusammen,

Um der kleinen, zweihundertköpfigen Sippe zu sichern den

Hunderte Millionen Jahre langen, globalen Erfolg.

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Fußnote

[1] Stämmchen (Moose): Eine aufrechte oder liegende Achse, die äußerlich einem Spross der Gefäßpflanzen (Tracheophyta) ähnelt, jedoch sich davon grundlegend in Bau und Funktion unterscheidet; deshalb wird bei Moosen lediglich von Stämmchen und nicht von Spross (Stamm) gesprochen.

Eingestellt am 21. Februar 2026

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Oben: Sphagnum spp.

Torfmoos-Schwingdecke (Sphagnum spec.) auf verlandetem Hochmoorkolk

Autor: Elke Freese

Lizenz:  Creative Commons Attribution-Share Alike 2.0 Germany license; unverändert

Unten: Sphagnum cf. fallax (Trügerisches Torfmoos)

Lizenz:  Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported license; unverändert

Eingestellt am 21. Februar 2026

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Sphagnophytina, Torfmoose

3 Rezepturen

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Ein Geheimnis liegt im Bau ihrer Blättchen[1] und der

Fläche des Stämmchens[2]:

Schutzsuchend zog sich der Protoplast[3] mit all seinem Inhalt

Als schlanke Zellengestalt[4] zwischen

Zum Tode bestimmte riesige Zellen zurück:

Wurden keilförmig im Schnitt,

Zur Unter- oder oberen Seite gerichtet;

Andere quetschen sich mittig zwischen die Toten hinein.

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Bevor sich die Zellen dem Sterben zuwenden,

Erfüllen für Sphagnum[5] sie eine lebenswichtige Pflicht:

Quer zur langgezogenen Zellengestalt,

Verstärken, sie stabilisierend, die Wände rundum mit Spangen,

Lösen, sich mit entstandenen Zwischenräumen begnügend,

Runde, größere Poren in Ein- bis Dreizahl heraus.

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Bei Regen füllen sie, die Poren als Tanköffnung nehmend,

Hyalocyten[6] randvoll mit Wasser für Fotosynthese;

Zehren lang von den gesaugten Reserven,

Bis sich der Stauraum wiederum leert.

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Dank der Zellwandverstärkung

Kollabieren sie nicht, wenn Adhäsion[7] und Kohäsion[8] des Wassers sie prüft:

Bleiben voluminös und

Neu sich zu füllen bereit. –

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Ein zweites Geheimnis liegt in Etagen gelegten, fuchsschwanzartigen Ästchen:

Ein Teil von ihnen, dicht mit Blättchen bestückt,

Spreizt sich vom Stämmchen,

Die übrigen hängen schlaff und eng an die Stämmchen geschmiegt.

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Nicht Rhizoide[9] in dochtartigen[10] Bündeln

Saugen von unten das Wasser empor;

Ästchenummantelte Stämmchen

Übernehmen den wasserleitenden Part.

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Saugen ektohydrisch[11] Wasser nach oben,

Halten mit Ästchen und Blättchen es fest,

Brauchen keine Rippe[12] im Blatt,

Keine Leitungsbahnen in Achsen.

Wozu auch eine solche Investition,

Denn Wasser finden fast sie überall.

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Je dichter die Pflänzchen,

Umso eher entsteht ein luftfeuchter Raum:

Denn, wenn Winde wehen über das Polster[13],

Bewegen sich innere Luftschichten kaum.

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Dichte möglichst erhalten, bleibt Sphagnums wichtigstes Ziel!

Unter dem Schopf den Seitentrieb nach oben schiebend,

Verlängert der Zweig sich leicht über die Höhe des Haupts,

Dichten des Polsters Fläche gegen die lufttrock‘ne Welt.

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Solange fehlendes Wasser ihr Wachstum nicht stört,

Heben sie, sich ständig verlängernd, des Moores[14] Plateau,

Erhöhen, Sauerstoffmangel halber von unten her sterbend,

Des Torfes[15] Dicke im Moor.

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Saure Standorte lieben Sphagnen,

Denn dort treffen sie kaum Konkurrenz:

Ist der pH[16] ihnen zu hoch, senken sie,

Als Ionentauscher[17],[18] agierend, ihn selbst etwas ab.

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Fußnoten

[1] Blättchen (Moose): Ein blattartiges, flächiges Organ, das äußerlich einem Blatt der Gefäßpflanzen (Tracheophyta) ähnelt, jedoch sich davon im Bau grundlegend unterscheidet; deshalb wird bei Moosen lediglich von Blättchen und nicht von Blatt gesprochen.

[2] Stämmchen (Moose): Eine aufrechte oder liegende Achse, die äußerlich einem Spross der Gefäßpflanzen (Tracheophyta) ähnelt, jedoch sich davon grundlegend in Bau und Funktion unterscheidet; deshalb wird bei Moosen lediglich von Stämmchen und nicht von Spross (Stamm) gesprochen.

[3] Protoplast, Protoplasma: Gesamter Inhalt einer Zelle (ohne Saftvakuole)

[4] Chlorocyten (Sphagnum, Leucobryum): Lebende, chloroplastenhaltige, daher grüne, kleinere Zellen, von großen, toten, farblos-hyalinen, durchsichtigen Wasserspeicherzellen umschlossen

[5] Sphagnum spp.: Torfmoose (Sphagnophytina – Bryophyta – Thallophyta – Embryophyta – Streptophyta –…)

[6] Hyalocyten (Sphagnum, Leucobryum): In Mengen vorkommende, tote, farblos-hyaline, durchsichtige, Chlorocyten umschließende Wasserspeicherzellen

[7] Adhäsion: Haften an den Kontaktflächen zweier unterschiedlicher oder gleicher Stoffe durch Molekularkräfte

[8] Kohäsion: Durch die Kraft der Anziehung bewirkter innerer Zusammenhalt von Atomen, Ionen oder Molekülen in einem festen oder flüssigen Stoff

[9] Rhizoide: Fadenartige, wurzelähnliche, trichale oder unseptierte Auswüchse zum Festheften von thallösen Pflanzen

[10] Dochtartig: Eigenschaft, wenn feine Fäden verflochten (oder auch annähend parallel) verlaufen und in ihren Zwischenräumen Flüssigkeiten aufsaugen und, wenn am anderen Ende entnommen, rein physikalisch transportieren können.

[11] Ektohydrisch: Wasseraufnahme bei Moosen, bei der das Wasser über die gesamte Pflanzenoberfläche aufgenommen wird und die Wasserleitung primär äußerlich, zum Beispiel kapillar zwischen Rhizoiden, Ästchen, Stämmchen oder Blättchen, erfolgt.

[12] Blattrippe, eigentlich Blättchenrippe (Bryophyta): Etwas hervorgehobener, längsverlaufender Mittelbereich eines Blättchens

[13] Moospolster: polsterartige, dichte Ansammlung von Moospflänzchen einer Art

[14] Moore: Ökosysteme, in denen durch Niederschläge, Grundwasserzufluss, Oberflächen- oder Quellwasser der Boden permanent wassergesättigt ist. Abgestorbenes organisches Material kann aufgrund von Sauerstoffmangel daher nicht, oder nur unvollständig abgebaut werden. Die Produktion organischer Substanz verläuft folglich schneller als deren Abbau. Auf diese Weise entsteht Torf.

[15] Torf: Organisches Sediment, das sich durch die Zersetzung von abgestorbenen Torfmoosen und anderen torfbildenden Pflanzenteilen weit überwiegend in Mooren bildet. Es liegen anaerobe Verhältnisse vor, wodurch der Abbau der akkumulierten organischen Substanz stark gehemmt ist.

[16] pH-Wert: Abkürzung für Potential des Wasserstoffs; Maß für den sauren oder basischen Charakter einer wässrigen Lösung. Je höher die Konzentration der Wasserstoffionen (H+) in der Lösung ist, desto niedriger ist der pH-Wert, desto saurer ist die Lösung, je höher der pH-Wert, desto basischer; er schwankt zwischen 0 und 14. Reines Wasser hat einen pH von 7

[17] Ionentauscher: Material, das gelöste Ionen in einer Flüssigkeit reversibel gegen andere Ionen gleicher Ladung austauschen kann

[18] Sphagnum gibt zur Aufnahme kationischer Nährstoffe Protonen ab, was zur Versauerung der Umgebung führt

Eingestellt am 21. Februar 2026

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Sphagnum-Blättchen (Tusche, Kreide; Reinhard Agerer)

Blättchentyp mit oberflächennah gelegenen Chlorocyten. Auch unterseitennah gelegene Chlorocyten und mittig eingeschlossene Chlorocyten kommen bei Sphagnum-Arten vor.

Oben: Blättchen in Aufsicht. – Unten: Blättchen im räumlich dargestellten Anschnitt.

Grün: Chlorocyten (fotosynthetisch aktive Zellen); hellblau: Hyalocyten (Wasserspeicherzellen) mit spangenverstärkten Zellwänden und wasseraufnehmenden Poren (dunkelblau)

Nach Strasburger (2008), Abb. 10-133, G-H, Seite 753

Eingestellt am 21. Februar 2026

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Sphagnophytina, Torfmoose

4 Selten, aber doch

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Dunkle Köpfchen steh‘n, wie Stielaugen von Schnecken[1],

Auf Sphagnums[2] dicht beblättertem Schopf

Und schießen, gut zu hören, wenn ruhig der Ort,

Die Kappe der Sphäre mit lautem Knall fort.

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Sporen reiften in der Kalotte[3] über der Kapsel Rundcolumella[4].

Gas, produziert im Innern der Kugel, drückte mächtig gegen das Dach

Und riss explodierend

Die wartenden Sporen dezimeterweit mit.

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Die Seta[5], der Sporophyt[6] war zu faul,

Steuert der Gametophyt[7] dem Sporophyt bei[8]

Und hatte, wie sich‘s für Laubmoose[9] gehört,

Über seine Plazenta[10] ihn geduldig ernährt.

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Fußnoten

[1] Schnecken: Gastropoda (Mollusca – Schizocoelia – Spiralia – Protostomia – Bilateria –…)

[2] Sphagnum spp.: Torfmoose (Sphagnophytina – Rhizoidlaubmoose – Bryophyta – Thallophyta – Embryophyta –…)

[3] Kalotte: Teil eines Kugelkörpers, der durch den Schnitt mit einer Ebene abgetrennt wird

[4] Columella (Laubmoose): Domförmige oder Säulenartige Struktur in der Mitte der Mooskapsel

[5] Seta (Moose): Basaler, langgestreckter Teil des Sporophyten, der die Mooskapsel aus dem zunächst noch schützenden Bauch des Archegons und evtl. aus noch zusätzlichen Hüllen in die Umwelt streckt

[6] Sporophyt: Bildet im Generationswechsel von Sporophyt zu Gametophyt meiotisch (R!), da selbst diploid (oder dikaryotisch), haploide Sporen

[7] Gametophyt: Bildet im Generationswechsel mitotisch, da selbst haploid, haploide Zellen (Gameten); oder nur Kerne, die direkt oder nach einer dikaryotischen Phase zur Karyogamie bestimmt sind

[8] Pseudopodium (Sphagnophytina): Anstelle einer Seta, die bei anderen Moosen vom Sporophyten gebildet wird, verlängert sich bei Torfmoosen der Gametophyt unterhalb des Sporophyten zu einem Stiel, zum Pseudopodium, auf dem die Mooskapsel sitzt.

[9] Laubmoose i.w.S.: Bryophyta (Thallophyta – Embryophyta – Streptophyta – Plantae – Eukarya)

[10] Plazenta (Laubmoose): Kontaktbereich zwischen Gamtophyt und Sporophyt, über den der zumindest anfangs chlorophylllose Sporophyt vom Gametophyten ernährt wird.

Eingestellt am 21. Februar 2026

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Sphagnum Sporophyt

Unten rechts: Sphagnum-Sporenkapsel auf Pseudopodium; an der Basis des Pseudopodiums Prianthblättchen

Autor: Wlodzimierz 

Lizenz: Public domain; unverändert

Sphagnum Sporophyt (Tusche-, kreide- und ppt-generiert; Reinhard Agerer)

Längsschnitt durch Sphagnum-Sporenkapsel (Sporopyht: braun) mit Pseudopodium (Gametophyt: grün). Von unten nach oben: In einem apikal becherförmig zur Plazenta erweiterten Pseudopodium sitzt der Fuß des Sporophyten; darüber erhebt sich die junge Kapsel, noch eingeschlossen in den Archegonienbauch (grüne einzellschichtige Hülle), mit nach oben gewölbter Columella, die den Sporenraum zur Kalotte drückt; darüber lässt sich noch die mehrzellschichtige Sporangienwand erkennen, deren äußere Schicht zu einer festigenden Wand ausgebildet ist; in dieser Wand ist apikal ein Deckel angedeutet, der bei Reife der Sporenkapsel (die Archegonienwand ist dann abgefallen; siehe kleines Bild rechts unten) mit einem leichten Knall abgesprengt wird und mit dem die Sporen (gelb) über den sich entlastenden Überdruck ausschleudert werden.

Nach Strasburger (2008), Abb. 10-133 C, Seite 753

Eingestellt am 21. Februar 2026

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Endpunkt erreicht