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Coleochaetophyceae, Haarscheidenalgen
1 Haarige Angelegenheiten (HP)
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Nach langem Suchen findet sie endlich die passende Stelle:
Kurz ausgeruht, beide Flagellen flugs eingezogen und resorbiert,
Mit Cellulose sogleich die Zelle umfangen,
Ein paar Mal von oben bis unten geteilt,
Sorgsam die Zellen dem Untergrund angeleimt,
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Nicht allen ist ein dermaßen glückliches Schicksal beschert:
Amöben[3] und anderes Wassergetier weiden sich satt.
Was bekümmert sie schon Ormidias Zukunft!
Gefährden, ganz ohne Absicht, dieser Kugelalgen Evolution.
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Ein derber, steilaufragender, langgezogener Höcker
Erleichtert einigen Populationen das Leben,
Amöben umfließen sie, doch Verdaungsvesikeln[4] sind sie zu spießig.
So zieh‘n sie unverrichteter Dinge bald wieder ab.
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Manche treiben es im wahrsten Sinne des Wortes schier auf die Spitze:
Dehnen den Auswuchs erheblich in Länge,
Durchstoßen die Spitze mit steifem, plasmatischem Haar,
Begründen als Folge die Scheidenstachelverwandtschaft[5].
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Welch eine Innovation!
Eine zweite folgte ihr bald auf dem Fuß!
Öffnete nur ein wenig den Raum, Zugang zu geben dem Spermatozoid[8].
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Doch was nützen die besten Innovationen,
Wird eine Schwachstelle neu etabliert, gar nicht rechtzeitig behoben?
War der Engpass der Evolution.
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Arm blieb die Verwandtschaft
Der einzelfädigen, stachelbewehrten Algen;
Dümpelt so Äonen[12] dahin.
Verwunderlich ist ihr Leben noch heute,
Doch die späten Verwandten[13] gaben nicht auf,
Machen aus ihrer Sicht noch das Beste daraus.
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Fußnoten
[1] Ormidia: Bezeichnung für hypothetischen Vorfahren der Coleochaetophyceae; die Bezeichnung leitet sich ab von einer molekularphylogenetisch früher abzweigenden Verwandtschaft, von den hier nicht näher behandelten Klebsormidiophyceae.
[2] Kolonie: Dichte Versammlung von Einzelindividuen
[3] Amöben, Wechseltierchen: Verändern ständig ihre Form, weil zellwandlos; stülpen Fortsätze des Protoplasten aus, umfließen Nahrung, um Nahrungsvakuolen (Endosomen) zu bilden, ihren Fang zu verdauen. Amöben kommen in verschiedenen Organismenreichen vor; repräsentieren also keine Verwandtschaft, sondern nur eine Lebensstrategie; ein Organismenreich (Amoebozoa) umfasst jedoch nur Amöben
[4] Verdauungsvakuolen, Verdauungsvesikel: Mikrobenumschließende Vesikel, entstanden aus Zellmembraneinstülpungen
[5] Scheidenstachelalgen, Haarscheidenalgen: Coleochaetophyceae (Streptophyta – Plantae – Eukarya)
[6] Eizellen: Unbewegliche, nährstoffreiche, weibliche, haploide Keimzellen
[7] Trichom, Haar, Faden (Gestalt): Fadenförmiger Organismus oder fadenförmiger Teil von Organismen
[8] Spermatozoide, Spermatozoen, Spermien: Reife, männliche, haploide Keimzellen; Gameten, die im Normalfall zu eigenständiger Bewegung fähig sind
[9] Gameten: Für sexuelle Fortpflanzung vorgesehene haploide Zellen
[10] Oogon, Oogonium: Eizellbehälter
[11] Antheridium (Vaucheriales, Coleochaetophyceae, Charophyceae, Moose, Farne): Verwandtschaftsabhängig gestalteter Spermatozoidenbehälter
[12] Äonen: Umfassen immer mehrere hundert Millionen bis weit über eine Milliarde Jahre
[13] Coleochaetophyceae
Eingestellt am 21. Februar 2026
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Coleochaetophyceae, Haarscheidenalgen
2 Ummantelt
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Stabile, reißfeste Trichome[1],[2] in Ritzen verkrallt,
Polar, mit Wachstum[3] nach oben und
Feinsten Haaren bewehrt,
Steh‘n zum dichtästigen Strauch vereint.
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Erweitern zum Bauch den Grund,
Geben der Oocyte[6] Schutz und Aufenthaltsraum
Bis der männliche Partner[7] kommt.
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Um ihn zu locken, fest zu umfassen,
Öffnet der Hals sich mit klebrigem Stoff,
Startet, vereint mit der Eizelle Kern[10], entschlossen die neue Generation.
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Als Zygote[11] ruht sie geschützt ein wenig:
Vereinte Trichome umgreifen den ganzen Ballon.
Bis zum Hals umhüllen dichtschließende Fäden
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Meiotisch[14] geteilt, durch Wände getrennt,
Erhöhen Mitosen[15] Anzahl der Kerne und Zellen.
Ballonartig bläht sich des Oogoniums Bauch,
Schafft Platz für Einzelkammern[16] der Zoosporen.
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Durchbrechen die Mauern,
Schwärmen aus in die Weite,
Begründen neue Fadengebilde;
Heften sie später breitsohlig dem Untergrund an.
Bestücken die Zellen mit wehrhaften Borsten,
Zum Schutze des ganzen Systems.
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Fußnoten
[1] Trichom (Anatomie): Einzellreihiger Faden oder einzellreihiges Haar
[2] Trichal (Algen, Pilze, u.a.): Gebaut aus einzellreihigem Faden, wobei jede Zelle funktionell nur einen Zellkern besitzt, n, 2n (oder n+n, Dikaryon, bei Pezizomycotina und Agaricomycotina)
[3] Polarisierung: Polarisierung eines Organismus tritt ein, wenn zwischen Oben und Unten oder zwischen Vorne und Hinten unterschieden werden kann aufgrund unterschiedlicher Aufgaben, die sich z. B. allein schon durch das Streben nach Licht manifestieren. Solche Polarisierungen sind zu Beginn der Evolution Grundvoraussetzung für den möglichen Start von Differenzierung und folgender Arbeitsteilung. Bei Flagellaten, bei Einzellern, lässt sich dies schon an ihrer Bewegungsrichtung und an der Anordnung ihrer Geißeln festmachen; bei Trichomen anhand Anheftungsstelle und freiem Ende und anhand der der Kern- folglich der Zellteilungsrichtung.
[4] Oogon, Oogonium: Eizellbehälter
[5] Trichogyne: Fortsatz des weiblichen Geschlechtsorgans bei Rhodophyta, Coleochaetophyceae, Charophyceae und Pezizomycotina
[6] Oocyte: Eizelle
[7] Spermatozoide, Spermatozoen, Spermien: Reife, männliche, haploide Keimzellen; Gameten, die im Normalfall zu eigenständiger Bewegung fähig sind
[8] Zellkern des Spermatozoids
[9] Plasmogamie: Verschmelzung der Protoplasten zweier Zellen im Zuge sexueller Fortpflanzung; abgekürzt P!
[10] Karyogamie: Verschmelzung zweier haploider Zellkerne; abgekürzt K!
[11] Zygote: Diploide Zelle, die nach der Verschmelzung zweier haploider Kerne, im Zuge der sexuellen Fortpflanzung entstand
[12] Dauerzygote, Hypnozygote: Zygote, die der Überdauerung dient, meist gekennzeichnet durch dicke, widerstandsfähige, oft auch dunkle Wand, gelegentlich mit Oberflächenstrukturen
[13] Fruchtkörper (Coleochaetophyceae, Charophyceae): Von Trichomen umhüllte Dauerzygote
[14] Meiose, meiotisch, R!: Meiose dient der Reduktion eines diploiden Chromosomensatzes zu haploiden Sätzen. Dabei werden einander entsprechende Chromosomen, im Kern sich dann mittig in einer Ebene gegenüberstehend, gepaart und anschließend in entgegengesetzter Richtung („polwärts“) separiert. Dieser Vorgang wird auch als Reduktionsteilung (oft abgekürzt als R! und zugleich stellvertretend für die ganze Meiose verwendet) bezeichnet. Da die voneinander getrennten haploiden Chromosomen schon zu Chromatiden verdoppelt sind, schließt sich an die Reduktionsteilung noch eine mitotische Teilung an, so dass vier haploide Kerne letztlich vorliegen.
[15] Mitose, mitotisch, abgekürzt M!: Im Kern mittig in einer Ebene versammelte Chromosomen bildeten je zwei identische Chromatiden, die bei der Mitose durch Mikrotubuli separiert werden und, von einer Zellwand getrennt, als identische Chromosomensätze der entstandenen Zellen wirken
[16] Jede der entstanden haploiden Zellen entlässt nur eine Zoospore
Eingestellt am 21. Februar 2026
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Chaetosphaeridium sp. (Tusche-, kreide- und ppt-generiert; Reinhard Agerer)
Links: Zellgruppe auf fädiger Alge. Zellen mit becherförmigem Chloroplasten, Pyrenoid und langem, mit Cytoplasma ausgefülltem Haar, das basal von der scheidenartig ausgezogenen Zellwand der Alge umhüllt ist. Messstrich: 10 µm.
Rechts: Geteilte Einzelzelle mit Öffnung, aus der eine lateral begeißelte Zoospore ausgetreten ist. Sexuelle Fortpflanzung unbekannt. Messstrich: 10 µm.
Nach van den Hoek et al. (1995/2002), Fig. 28.2, Seite 456.
Eingestellt am 21. Februar 2026
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Coleochaete pulvinata (Tusche-, kreide- und ppt-generiert; Reinhard Agerer)
Oben: Ausschnitt aus einem pustelförmigen Thallus. Verzweigte, trichal organisierte, haploide (n; kleine Punkt-Kerne) Trichome tragen an einigen Enden Oogonien (rosa eingefärbt; Falschfarbe) in unterschiedlichen Entwicklungsstadien; von links nach rechts: etwas Richtung Apex verjüngte, einkernige Zelle (junges Oogon-Stadium) – Oogon mit bereits vollzogener Karyogamie (K!) und diploidem (2n), großem Kern; Zygote von der geöffneten Trichogyne durch Zellwand abgetrennt – Oogon in dessen Trichogyne nach Plasmogamie (P!) mit einem Spermatozoid der männliche Zellkern zum weiblichen Kern wandert – Oogon, abgetrennt von der leeren Trichogyne, mit beiden Zellkernen kurz bevor die Karyogamie stattfindet.
Im gleichen Pustel, gelegentlich sogar unmittelbar benachbart, finden sich die Antheridien (gelb eingefärbt; Falschfarbe), aus denen der Inhalt austritt und aus ihm heraus der männliche Gamet entsteht; pro Antheridium wird nur ein Spermatozoid gebildet. Da Oogonien wie Antheridien am gleichen Hyphensystem entstehen, liegt ein homothallischer Organismus vor; es werden war männliche (Antheridien) und weibliche (Oogonien) Behälter gebildet, doch lassen sich keine männlichen und weiblichen Kerne unterscheiden, da alle von den gleichen Trichomen stammen. Deshalb werden die Zellkerne auch nicht unterschiedlich dargestellt. Messstrich: 100 µm.
Unten: Rechts eine von Trichomen zellulär umhüllte, diploide Dauerzygote (braun schattiert) mit leerer Trichogyne und zwei entleerten Antheridien. Nach der Meiose (R!) und zusätzlichen Mitosen (M!) werden 16 oder 32 Zellen in der Dauerzygote gebildet (links), denen je eine haploide Zoospore entschlüpft, sobald sich die Wand der Dauerzygote und das umgebene Pseudoparenchym aufschlitzen. Sie setzen sich fest und lassen neue haploide Coleochaete-Kissen entstehen. Damit ist der sexuelle Kreislauf geschlossen.
Auch ein Nebenkreislauf, ein asexueller Kreislauf, ist möglich, indem normale Zellen der Trichome sich zu einsporigen Zoosporangien entwickeln (oben; bräunlich eingefärbt; Falschfarbe), deren Protopalst frei wird und aus dem heraus ein männlicher Gamet entsteht. Spermatozoide, wie Zoosporen und Zellen besitzen je einen wandständigen, becher- oder bandförmigen Chloroplasten.
Nach van den Hoek et al. (1995/2002), Fig. 28.3, Seite 457.
Eingestellt am 21. Februar 2026
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Coleochaetophyceae, Haarscheidenalgen
3 Erinnernd und ergänzend
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Schräg zueinander, fast parallel,
Festgehalten basalkörpernah von einer Vielschichtstruktur.
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Belegen organische Schuppen, gestaltet wie ein Diamant:
Telophasespindeln persistieren[8];
Aber die Kernhülle wird komplett abgebaut[9].
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Querwände werden durch winzige Poren,
Wo hindurch Plasmodesmen[15] ziehen, perforiert.
Tassen- oder bandförmige Chloroplasten[16] in Einzahl mit
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Eine wichtige Neuerung[19], auch schon von
Ergänzen Haarscheidenalgen noch mit Hülle aus
Trichomen[23],[24], die die Dauerzygote umgibt.
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Fußnoten
[1] Streptophyta: Bauchgeißler (Plantae – Eukarya)
[2] Basalkörper, Basalapparat: Gehen unmittelbar aus Centriolen hervor, wie sie auch feinstrukturell den Centriolen sehr ähnlich sind. Bei der Umwandlung von Centriolen in Basalkörper wandern diese unter die Plasmamembran und orientieren sich senkrecht zu ihr. An der Kontaktstelle, von der dann die Geißel auswächst, wird eine Basalplatte gebildet. Von hier nach außen wird das typische 9x2 + 2-Muster ausgebildet, während im Basalkörper hinsichtlich der Anordnung der Mikrotubuli die charakteristische Centriolenstruktur (9x3 + 0) erhalten bleibt.
[3] Mikrotubuliband: Zu geraden oder gebogenen Ebenen einschichtig zusammengefasste Mikrotubuli größerer Zahl
[4] Mikrotubuli: Röhrenförmige Proteinkomplexe innerhalb eukaryotischer Zellen und in Geißeln; Hohlröhren aufgebaut aus den Dimeren α- und β-Tubulinen; funktionieren bei vielen wesentlichen zellulären Prozessen, einschließlich Mitose und Meiose. Mikrotubuli sind gerichtete Strukturen, deren Enden wegen ihrer Polymerisationsrichtung mit plus und minus bezeichnet werden; das α-Tubulin-Ende wird minus-Ende genannt, das β-Tubulin plus-Ende; bilden die Grundlage für das Cytoskelett und spielen eine wichtige Rolle in der Ausbildung der Kernteilungsspindel und im Vesikeltransport.
[5] Flagellat: Begeißelter, einzelliger Organismus; oder als Eigenschaft: mit Geißel versehen
[6] Biflagellat: Mit zwei Flagellen
[7] Schwärmer, Zoid: Allgemeiner Ausdruck für begeißelte, bewegliche Zellen (Zoospore oder Gamet)
[8] Persistierende Telophasenspindel: Die Telophasenspindel bleibt außerhalb der beiden Tochterkerne noch eine Zeitlang erhalten, was ihnen zusammengenommen Hantelgestalt verleiht
[9] Offene Mitose: Mitose, bei der die Kernhülle gänzlich abgebaut wird
[10] Cytokinese: Zellteilung nach Mitose und nach Meiose
[11] Zellplatte: Durch Vesikel zusammengesetzte plattenförmige Anlage einer Zellwand
[12] Phragmoplast: Besteht aus einem Komplex von Mikrotubuli und Actinfilamenten, die mehr oder minder senkrecht zur in der Telophase sich bildenden Querwand verlaufen; entlang der Mikrotubuli werden Golgivesikel transportiert, die zur jungen Zellwand, zur sog. Querplatte verschmelzen, die sich ständig zur Längswand hin erweitert, bis sie daran Anschluss findet; Poren für Plasmodesmen bleiben in Querplatte und Querwand dabei frei.
[13] Vesikel (Zellvesikel): Kleine, abgegliederte, rundliche, doppelmembranumhüllte Behälter.
[14] Golgiapparat: Organell eukaryotischer Zellen. In ihm werden Proteine, die vom Endoplasmatischen Retikulum hergestellt wurden, modifiziert und sortiert. Außerdem schnürt er kleine Vesikel ab, die Zellprodukte sammeln, die zur Sekretion oder für andere Organelle bestimmt sind. Seine oft tellerförmig anmutenden Cisternen treten gern in gestapelter Weise auf, an deren Rändern diese Vesikel abgeschnürt werden; jedes einzelne Organell der Zelle wird oft als Dictyosom (Netzorganell) bezeichnet.
[15] Plasmodesmen: Zell-zu-Zell-Verbindungen der Pflanzen. Diese cytoplasmatischen Kanäle (von 30 – 40 nm Durchmesser) dienen dem Stoff- und Informationsaustausch zwischen Zellen.
[16] Chloroplast (allgemein): Zur Fotosynthese befähigter, grüner Chromatophor
[17] Pyrenoid: Eine räumlich begrenzte, lichtmikroskopisch oft gut erkennbare Struktur in Plastiden von verschiedenen Algengruppen und Hornmoosen
[18] Peripher: in den äußeren Zonen
[19] Oogamie: Verschmelzung eines haploiden, beweglichen Spermatozoids mit einer unbeweglichen, nährstoffreichen Eizelle
[20] Volvocales: Grünmonaden (Chlorophyceae – Chlorophyta – Plantae – Eukarya)
[21] Dauerzygote, Hypnozygote: Zygote, die der Überdauerung dient, meist gekennzeichnet durch dicke, widerstandsfähige, oft auch dunkle Wand, gelegentlich mit Oberflächenstrukturen
[22] Chlorophyceae: Grünalgen i.e.S. (Chlorophyta – Plantae – Eukarya)
[23] Trichom (Anatomie): Einzellreihiger Faden oder einzellreihiges Haar
[24] Trichal (Algen, Pilze, u.a.): Gebaut aus einzellreihigem Faden, wobei jede Zelle funktionell nur einen Zellkern besitzt, n, 2n (oder n+n, Dikaryon, bei Pezizomycotina und Agaricomycotina)
Eingestellt am 21. Februar 2026
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Endpunkt erreicht
