zum Glossar mit Abbildungsverweisen über:

Clitellata, Gürtelwürmer

1 Landwärts (HP)

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Sandigen Küsten entgegen, Frischwasser führenden Bächen entlang,

Konkurrenten außer Reichweite gehend,

Verlässt so manch ein Vielborster seine

Angestammte, zu dicht bevölkerte Heimat,

Besetzt, neue Lebensbereiche[1] erschließend,

Nahegelegenen wassergesättigten Boden und Litoral[2].

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Trotz allen Eifers der rudernden Füßchen[3]

Treiben viele bald wieder zurück,

Doch Proclitolis[4] gelingt es zu bleiben

Im Versteck unter dem Stein.

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Der vorbeirauschenden Strömung zu trotzen,

Gräbt er sich tiefer hinein in den Schlick[5],

Lugt andernorts wieder hervor,

Doch Schutzhüllen zu bauen, bleibt ihm verwehrt.

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Mit dem Kopflappen[6] zu graben ist er gewohnt und

Frisst sich durch feingeriebene nahrhafte Reste.

Füßchen, in einer kurzzeitig nur offenen Röhre hinderlich,

Werden Schritt für Schritt kleiner Generation um Generation,

Schließlich komplett reduziert;

Nur Borsten[7] bleiben, viel weniger zwar, an den Segmenten[8] besteh‘n. –

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Ein Wenigborster[9], ein Oligochät ist dem Tierreich geschenkt,

Doch hat er sich Anderes hilfreich erworben:

Dem versteckten, einsamen Leben geschuldet,

Ist er zum Zwitter[10] geworden.

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Trifft er, ganz Zufall, einen Partner im Gang,

Umschlingt er ihn heftig,
Sucht seine Samen[11] zu injizieren und wartet,

– Doch nicht verwunderlich – auf solche des Partners Empfang.

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Einer Markierung gleich, zur Orientierung hilfreich erfunden,

Auch noch als Klebstoff gedacht,

Senden Drüsen[12] ganz bestimmter Segmente

Schleime um die Geschlechtsöffnung herum.

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Wie einen Gürtel umringt sie der Drüsenzellen mehrfache Schicht,

Erhöht, verfärbt kaum merklich[13],

Des Wurms zusammenhaltendes Gut,

Verleiht ihm die namengebende Architektur. –

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Eingehüllt in den anfangs klebrigen Wulst,

Lagern zwischen erstarrender äußerer Schicht und körperzugewandter Seite,

Oligochäten die befruchteten Eier in nahrhaftem Saft,

Zieh‘n sich langsam, dem schleichenden Kopfende folgend,

Aus dem Sekretring[14] zurück:

Er schrumpft zum elastischen, mit zygotischen[15] Eiern befüllten Kokon[16].

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Noch im Schutz des widerstandsfähigen Mantels

Werden Embryonen[17] zu hübschen, den Adulten[18] schon ähnlichen Würmern,

Verlassen, zu eng ist mittlerweile die Hülle,

Bohrend den Schutzraum, zieh‘n voll Hoffnung ins feindliche Leben hinaus. –

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Nicht nur dieses Gebaren hält die Verwandtschaft zusammen,

Auch der Spermien hochspezialisierter Bau:

Mit Glycogengranula[19]-Zwillingen rund ums Axionem[20].

Auch der Blastulazellen[21] schon festgelegte Funktion[22] bezüglich des Wurms späterem Bau,

Erweisen sich ohne Zweifel als nur

Ihnen eigene Synapomorphien[23].

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Fußnoten

[1] Ökologische Nischen: Meist kleine Gebiete, Habitate, mit relativ einheitlichen Lebensbedingungen

[2] Litoral: Bezeichnung für die Uferregion eines Sees oder Flusses, wie auch für die Küstenregion des Meeres

[3] Parapodien (Annelida): Ungegliederte oder paarige, gegliederte Seitenanhänge beidseits der Segmente

[4] Proclitolis: Bezeichnung für hypothetischen Vorfahren der Clitellata

[5] Schlick: Am Boden von Gewässern (besonders im Wattenmeer) abgelagerter oder angeschwemmter, feinkörniger, glitschiger, an organischen Stoffen reicher Schlamm

[6] Kopflappen, Prostom, Prostomium (Annelida): Bezeichnung für die Körperspitze der Ringelwürmer

[7] Borsten: Dicke, harte, steife Haare bestimmter Tiere

[8] Segmente (Annelida): Sich identisch wiederholende Abschnitte des Körpers

[9] Wenigborster: Oligochaeta (Clitellata - Annelida – Schizocoelia – Spiralia – Protostomia –…)

[10] Zwitter, Hermaphrodit: Weibliche und männliche Gameten befinden sich auf ein und demselben Individuum, müssen aber nicht zur gleichen Zeit zur Reife kommen

[11] Spermatozoide, Spermatozoen, Spermien: Reife, männliche, haploide Keimzellen; Gameten, die im Normalfall zu eigenständiger Bewegung fähig sind

[12] Drüsen: Organe aus mehreren Drüsenzellen

[13] Gürtel, Clitellum (Clitellata): Verdickte, drüsenreiche Hautregion im vorderen Körperdrittel von Gürtelwürmern; bildet einen auffälligen Ring oder Sattel, der besonders während der Geschlechtsreife sichtbar ist; Hauptaufgabe ist die Sekretion eines Schleimkokons zur Ablage und Entwicklung der Eier

[14] Sekrete: Von einer Drüse (oder Organ) produzierte und abgesonderte Stoffe, die im Organismus bestimmte Aufgaben erfüllen 

[15] Je eine Zygote enthaltende Eier

[16] Kokon (Clitellata): Abgeschiedene Substanz, mit der Regenwürmer und Blutegel ihre Eier umhüllen

[17] Embryo (allgemein): Frühes Entwicklungsstadium der Plantae und Animalia; entsteht aus einer Zygote nach der ersten Zellteilung oder parthenogenetisch aus einer diploiden oder haploiden Zelle

[18] Adult, Adultus: Erwachsen, Erwachsener

[19] Glycogen: Ein hochverzweigtes Polysaccharid aus meist α-1,4 verknüpfter Glucose (mitunter α-1,6 am freien [–CH2OH] des Glucoserings); Speicherprodukt von Tieren, Pilzen und Bakterien

[20] Axionem: Aus Mikrotubuli zusammengesetzte Zylinderstruktur der eukaryotischen Geißel

[21] Blastula: Zunächst einzellschichtiges Hohlkugelstadium während der Ontogenese von Animalia

[22] Determinierte Ontogenese (Laboulbeniomycetes; Clitellata): Jede Zelle hat ihre Bestimmung sich wie und wann zu teilen, um am Ende ausdifferenzierte Tochterzellen an vorbestimmtem Ort, mit vorbestimmter Aufgabe und vorbestimmter Gestalt in einem Zellverband zu bilden

[23] Synapomorphie, synapomorphe Merkmale: Synapomorphien sind Merkmale, die ein Schwestergruppen-Verhältnis zwischen zwei Sippen begründen; es sind die Autapomorphien der gemeinsamen Stammart

Eingestellt am 20. Juni 2026

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Geißelquerschnitt (Schema) der Clitellata-Spermatozoiden (ppt; Reinhard Agerer)

Charakteristisch ist die zentrale Hülle um den mittigen Doppeltubulus (grau, strukturiert) und der periphere Kreis aus neun Glycogengranulazwillingen (dunkelrot), der etagiert in der Geißel vorliegt.

Lipiddoppelmembran: hellbraun–gelb–hellbraue Umgrenzung

Nach Westheide & Rieger (2013), Abb. 587 E, Seite 407; und nach Marotta R Ferraguti M: Sperm ultrastructure in assessing phylogenetic relationships among clitallate Annelids. In Shain DH, ed. Annelids in modern biology. Johnm Wiley & Sons, pp. 314-327.

Eingestellt am 20. Juni 2026

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