zum Glossar mit Abbildungsverweisen über:

Mylitoidea, Miesmuscheln

1 Miesmuschelaufwuchs

.

Mit Byssus[1], kein Mensch schert sich heute darum,

Fixieren sich Miesmuscheln[2] dicht neben- und übereinander

Zu Millionen am Boden im Watt[3],

Denn mehr Nachwuchs gibt es, ist die Versammlung dicht.

.

Jedes Weibchen gibt fünf bis zehn Millionen Eier ins Wasser,

Spermien die Männchen in höchster Potenz!

So gewinnen im dichten Verbund, Heere von Muscheln Millionen Zygoten[4],

Doch ein Promill[5] nur bleibt davon über, die Art zu erhalten, zu vermehren sogar.

.

Ihre Larven[6], als Plankton frei schwimmend,

Werden millionenfach Opfer hungriger Tiere.

Als Minimuscheln setzen die übrigen

Fest sich ans harte Substrat.

.

Von Feinden noch immer umgeben,

Suchen sie wirksamen Schutz in der Masse,

So, wie Fußgänger nur in der Menge sicher sich fühlen[7],

Passieren verkehrsdichte Straßen sie in der Quere nach.

.

Mit Byssus, raffiniert wie sie sind,

Spinnen sie räuberische Kleinschnecken ein,

Lassen in Haft sie verhungern.

Nur größeren Schnecken werden sie Opfer:

Kurz zum Atmen und Filtern geöffnet,

Schon dringen die Argen raspelnd zum Fleischfassen vor.

.

Als Klärwerke dienen sie dichttrübem Wasser.

Entnehmen was immer sie brauchen,

Verwerfen, was nicht zu verwerten, als unnützen Schlamm

Zur Tarnung ihres Bestands.

.

Klug wählten sie über die Zeiten hinweg

Den Ort für sicherstes Leben:

Kaum höher als der Gezeiten[8] untere Grenze[9] siedeln sie,

Auch wenn Wasser sie nicht mehr umspült.

Denn so lassen sie wasserbedürftige Feinde

Zumindest für einige Stunden in Ruh.

.

Fußnoten

[1] Byssus: Feine Haftfäden, als erhärtendes Sekret von Fußdrüsen in Form von extrem feinen, goldbraunen Proteinfasern, mit denen sich Muscheln an Untergründen festhalten

[2] Miesmuschel: Mytilus edulis (Mytiloidea – Bivalva – Mollusca – Schizocoelia – Spiralia –…)

[3] Watt (Geographie, Ökologie): Flächen, die zweimal täglich durch Gezeiten überschwemmt werden, auf denen sich kein Pflanzenbewuchs findet

[4] Zygote: Diploide Zelle, die nach der Verschmelzung zweier haploider Kerne, im Zuge der sexuellen Fortpflanzung entstand

[5] Promill, 1 ‰: ein Teil pro Tausend Teilen

[6] Veliger (Mollusca): Freischwimmende Larvenform vieler Weichtiere, insbesondere von Schnecken, Muscheln und Kahnfüßern

[7] Herdentrieb: Verhalten mancher Tierarten in größerem Zusammenschluss von Individuen, in Herden, zu leben; hauptsächlich aus dem Grund, als Individuum in größerer Gemeinschaft besseren Schutz zu erlangen, als dies einzelnlebend möglich wäre. So ist auch manches Drängeln ins Zentrum der Herde als Individualschutz zu verstehen, während periphere vergleichsweise größerer Gefahr ausgesetzt sind, vielleicht sogar generell in gleicher Gefahr leben wie Einzeltiere. Dieser Vorteil mag in mancher Hinsicht mögliche Nachteile beim Nahrungserwerb ausgleichen, aber dafür entscheidend die Fitness erhöhen. Auch Menschen zeigen dieses Verhalten, überqueren sie in größerer Zahl gemeinsam eine befahrene Straße; die Vorsicht des Einzelnen lässt, falls nicht am Rande der Herde, dabei erheblich nach.

[8] Gezeiten, Tide: Wasserbewegungen der Ozeane, die durch von Mond und Sonne erzeugte Gezeitenkräfte im Zusammenspiel mit der Erddrehung verursacht und Wasserspiegel entsprechend gesenkt oder gehoben werden

[9] Niedrigwasser (Gezeiten): niedrigster Wasserstand der Gezeiten

Eingestellt am 20. Juni 2026

.

Oben: Mytilus edulis (Gwöhnliche Miesmuschel)

Muschelbänke an Felsen in Booby’s Bay, Cornwall, Großbritannien

Autor. Nilfanion

Lizenz: Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported license; unverändert

Links, Mitte: Miesmuschel mit Mantelpapillen und Byssus

Autor: Julius Fürst, 1885. – Aus: Schleswig-Holstein meerumschlungen in Wort und Bild von Hippolyt Haas, Hermann Krumm u. Fritz Stoltenberg aus dem Jahr 1896

Lizenz: Gemeinfrei; unverändert

Links unten: Miesmuschelverkauf in Norwegen

Autor: Wolfmann

Rechts unten: Mytilus edulis mit Byssus

Lizenz:  Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported license; unverändert

Eingestellt am 20. Juni 2026

.

Mytilus edulis, linke und rechte Klappen ein und desselben Tieres

Oben: rechte Klappe

Unten: linke Klappe

Autor: H. Zell

Lizenz:  GNU Free Documentation License; unverändert

Eingestellt am 20. Juni 2026

.

Mylitoidea, Miesmuscheln

2 Ernte

.

Verarmt ist seit Langem dieser begehrten Muschel naturbelassene Population[1],

Denn hunderttausend Tonnen und mehr

Entnehmen Schiffe jährlich den Küsten der Nordsee.

Nur ihr rasches Gedeihen, ihr schleuniges Wachstum

In ein bis zwei Jahren zur handelsüblichen Größe[2]

Verhindert das Sterben des dichteliebenden Volks.

.

Der großen Nachfrage wegen

Bieten sie jüngsten Muscheln Seile und Netze zum Siedeln,

Transferieren in optimale Küstengebiete sie,

– Arm an raubenden Schnecken[3], Krebsen[4] und Vögeln[5]

Holen sie später, kinderfaustgroß,

Mit Schleppnetzen wieder heraus.

.

In sauberem Meerwasser spülen Miesmuscheln[6] selbst sich rein:

Ohne Sandkörner zwischen den Kiemen[7]

Füllen sie Jutebeutel[8], Netze und Plastikbehälter

Ohne Wasser, wie in der Heimat bei Ebbe[9].

.

Noch lebend, um Abwehrkräfte

Gegen Bakterien[10] möglichst lang zu erhalten,

Geh‘n leicht gekühlt sie auf ihre vorletzte Reise:

Auf Straßen, Schienen, über das Meer.

.

Noch atmend, stürzen sie Köche ins brodelnde Wasser!

Sterbend erschlaffen die vormals schließenden Muskeln[11],[12],

Halten die Schalen[13] nicht mehr zusammen,

Geben Fuß und Innenraum frei.

.

Gewürze und Soßen balsamieren die Toten,

Verschwinden entschalt still in der Gruft. –

Gar mache hat sich zuvor

Mit einem Sandkörnchen bitter gerächt!

.

Fußnoten

[1] Population (allgemein): Bevölkerung

[2] 5 bis 8 cm Länge

[3] Schnecken: Gastropoda (Mollusca – Schizocoelia – Spiralia – Protostomia – Bilateria –…)

[4] Krebstiere, Krebsartige: Crustacea (Tetraconata – Mandibulata – Arthropoda – Panarthropoda – Ecdysozoa –...)

[5] Vögel: Aves (Maniraptora – Coelurosauria – Tetanurae – Theropoda – Saurischia – …)

[6] Miesmuschel: Mytilus edulis (Mytiloidea – Bivalvia – Mollusca – Schizocoelia – Spiralia –…)

[7] Kiemen (Mylitoidea): Filibranchien, bestehend aus zahlreichen, vom Dach des Mantelraums herabhängenden Kiemenfäden, die haarnadelförmig auf der Ventralseite wenden und zumindest durch Ciliengruppen verbunden und stabilisiert werden

[8] Jute: Aus Bastfasern der einjährigen tropischen Gattung Corchorus gewonnenes Gewebe

[9] Ebbe: Niedrigwasser der Gezeiten

[10] Prokaryot, Prokaryont: Organismus, der keinen echten Zellkern besitzt, sondern einfache, meist ringförmige Chromosomen frei in einem zentralen Bereich liegen hat

[11] Schließmuskeln (Bivalvia): Zwei starke, gleichdicke oder ungleichdicke Muskelstränge, die den Weichkörper im Inneren der zweiteiligen Schale schützen, indem sie die Klappen aktiv zusammenziehen und geschlossen halten; wirken als Gegenspieler zum elastischen Ligament

[12] Vorderer und hinter Schließmuskel sind bei Mylitoidea ungleich dick

[13] Valven (Bivalvia): Die beiden den Muschelkörper bedeckenden Schalen

Eingestellt am 20. Juni 2026

.

Endpunkt erreicht