zum Glossar mit Abbildungsverweisen über:

Clavicipitaceae, Mutterkornpilzartige
1 Botanikus
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Um neue Arten zu finden, die noch nicht in seinem Herbar,
Wandert Botanikus, Plastiktüten in seiner Hand,
Pflanzen zu sammeln, die er,
Vor dem Verwelken rettend, dorthin mit Sorgfalt verpackt.
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Zu Hause will er mit Lupe und Büchern der Blumen Namen ergründen.
Die wertvollen Funde, Blüten und Blätter sorgfältig spreizend,
Legt er mit leichtem Druck zwischen Bögen Seidenpapiers,
Darauf und darüber zum Trocken und Pressen ältere Zeitungsbögen
– So braucht er nur den Seidenbogen zu nehmen, nicht aber die Pflanze,
Zum Wechseln des feuchten gegen trocknes Papier –;
Verschnürt, aufeinandergetürmt zwischen zwei kräftigen Pappen,
Mit lückenlos spannenden Gurten, alles was er gesammelt, zum Turm. –
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Am Roggenfeldrain[1], zwischen sonnenverwöhnten Blüten,
Hält er, etwas Erstaunliches hat er bemerkt, plötzlich inne,
Bleibt bewegungslos steh‘n, Insekten[2] ja nicht zu stören. –
Tatsächlich! – Sie turnen den Ähren[3] hinauf und hinunter,
Um etwas Bestimmtes zu suchen.
Leicht glänzend hängen, vielleicht nur stecknadelkopfgroß,
Tröpfchen an Blüten der Ähren!
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Etwas Süßes scheint es zu sein, Nektar[6] eben.
Doch Nektar an windbestäubten Blüten?
Benetzt seinen kleinen Finger so gut er nur kann mit einem winzigen Punkt
Und glaubt, dass auf der Zunge Süßes er spürt. –
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Neugierig durchblättert zu Hause er Bücher und
Findet den Hinweis erst ganz zum Schluss:
Sie streben mit naschenden Tieren zu anderen Blüten hin.
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Fußnoten
[1] Roggen: Secale cereale (Pooideae – BOP-Verwandtschaft – Poaceae – Poineae – Poales – …)
[2] Insekten: Hexapoda (Tetraconata – Mandibulata – Arthropoda – Panarthropoda – Ecdysozoa –…)
[3] Ähren (Blütenstand): Blüten sitzen ungestielt in den Achseln von Tragblättern und bilden meist dichte Blütenstände
[4] Käfer: Coleoptera (Neuropteroidea – Neuromecoptera – Holometabola – Neoptera – Pterygota –…)
[5] Fliegen: Diptera (Antliophora – Mecopteroida – Neuromecoptera – Holometabola – Neoptera –…)
[6] Nektar i.w.S.: Süßliche, Insekten anlockende Flüssigkeit
[7] Konidie: Asexuell und nach außen gebildete Verbreitungseinheit, die mit einer Hyphe oder hefeartig keimt
[8] Mutterkornpilz: Claviceps purpurea (Calvicipitaceae – Hypocreales – Hypocreomycetidae – Sordariomycetes – Periethecienascomycota –…)
Eingestellt am 24. Oktober 2026
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Clavicipitaceae, Mutterkornpilzartige
2 Und dann? (AP,TP)
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Kaum an die fedrige Narbe[1] der nächsten Blüte gekommen,
Setzt sich, sich verzweigend, genau an die Quelle, wo Zucker[6] den Samen sollte befüllen.
Nimmt, nichts mogelt an ihr sich vorbei, was für die Blüte bestimmt!
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Vermehrt der gefräßigen Fäden[7] sich verzweigende Fülle,
Setzt sie frech an die Stelle der jung schon verhinderten Frucht[8],
Bläht alles zum runzlig-labyrinthischen Etwas,
Um unverzüglich Tropfen des Nektars[9]
Unermüdlich mit Konidien zu füllen,
Dessen Zucker sie der Pflanze geklaut.
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Mehr von der Blüten Menge zu wandeln,
Bis sie, die Kraft der Pflanze drängt sie dazu,
– Die anderen Blüten sind längst schon bestäubt –
Ihr Verhalten grundlegend ändert und
Nur mehr an sich und magere Herbstzeiten denkt.
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Hortet in immer mehr sich verzweigenden,
Eine dichte, bananenförmige Masse füllenden Hyphen, Reserven,
Verdickt und verdunkelt am Ende die äußeren Wände,
Bis ein dunkelbraun-schwärzliches Horn[14]
Ihrer Ähre[15] bedrohlich entragt.
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Das Schicksal entscheidet nun seinen Weg:
Entfällt es der Ähre, bevor der Roggen geschnitten, gedroschen,
Oder nimmt es der Körner[16] vom Bauern bestimmten Verlauf,
Gelagert zu werden, gemahlen, verbacken zu Brot?
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Glück hatte Purpurea!
Fiel gerade noch, bevor die andern dunklen Gestalten[17]
Mit des Roggens Tausenden Körnern
Und gewaltigen Stürmen auf des Traktors Anhänger flogen,
Auf des Ackers trockenen Boden;
Verkrümelte sich zwischen Reihen von Stoppeln[18]!
Der dunkle Mantel war der wertvolle Schutz
Über den Winter; gerne mit Schnee noch bedeckt.
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Fußnoten
[1] Narbe (Bedecktsamer; Magnoliatae): Der obere, meist klebrige oder feuchte Teil des weiblichen Blütenorgans mit Hauptaufgabe, bei der Bestäubung die Pollenkörner (Blütenstaub) aufzufangen und deren Keimung zu ermöglichen
[2] Konidie: Asexuell und nach außen gebildete Verbreitungseinheit, die mit einer Hyphe oder hefeartig keimt
[3] Hyphen (Pilze): Einzellreihige, zellwandumgebene Fäden von Pilzen mit Spitzenwachstum, mit oder ohne Querwände
[4] Samenanlage: Weibliche Fortpflanzungsorgan der Samenpflanzen aus der nach einer erfolgreichen Befruchtung sich der fertige Same entwickelt
[5] Fruchtknoten (Bedecktsamer, Magnoliatae): Bauchiger, unterer Teil des weiblichen Blütenorgans, des Stempels, schließt die Samenanlagen ein, aus denen die Samen entstehen
[6] Saccharose, Rohrzucker, Rübenzucker: Disaccharid aus α-Glucose und β-Fructose in 1,2-Verknüpfung; Zwischenspeicherzucker von Echten Pflanzen
[7] Hyphen
[8] Frucht (Bedecktsamer, Magnoliatae): Fruchtknoten im Zustand der Samenreife
[9] Nektar i.w.S.: Süßliche, Insekten anlockende Flüssigkeit
[10] Claviceps purpurea: Mutterkornpilz (Calvicipitaceae – Hypocreales – Hypocreomycetidae – Sordariomycetes – Perithecienascomycota –…)
[11] Insekten: Hexapoda (Tetraconata – Mandibulata – Arthropoda – Panarthropoda – Ecdysozoa –…)
[12] Roggen: Secale cereale (Pooideae – BOP-Verwandtschaft – Poaceae – Poineae – Poales – …)
[13] Lipide (Fettes Öl): Ein Triglycerid aus Glycerin (mit drei [–OH]-Gruppen) und drei Fettsäuren, die als Fettsäurereste unter Wasserabspaltung ans Glycerin gebunden und eine Bindungsgruppe –C–O–(C=O)– ergeben
[14] Sklerotium (Fungi): Feste, oft dunkle Überdauerungsform oder Speicherorgan vieler Pilze, aus dicht verflochtenen Hyphen bestehend, die es dem Pilz ermöglicht, ungünstige Umweltbedingungen wie Kälte, Trockenheit oder Nahrungsmangel über Monate oder sogar Jahre zu überstehen
[15] Ähre (Blütenstand): Blüten sitzen ungestielt in den Achseln von Tragblättern und bilden meist dichte Blütenstände
[16] Korn: Getreidefrüchte
[17] Sklerotien
[18] Gestreidestoppeln
Eingestellt am 24. Oktober 2026

Claviceps purpurea, Sklerotien (Original; Reinhard Agerer)
Links: Sklerotien, schwarze, hornförmige Strukturen zwischen Roggenkörnern.
Rechts: Querschnitt durch den Randbereich eines Sklerotiums: Außen eine Lage kollabierter, Hyphen (schwarzes Erscheinungsbild der Sklerotien), darunter rundlich gestaltete Hyphenzellen mit Lipidtropfen.
Eingestellt 24. Oktober 2026
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Clavicipitaceae, Mutterkornpilzartige
3 Frühlingserwachen
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Purpurea[1] hatte wiederum Glück, liegt obenauf,
Nicht in der Tiefe, untergeackert vom Pflug!
Spürt den Frühling, nachdem sie der Kälte getrotzt,
– Sie brauchte fürs Erwachen den Frost –
Wandelt Reserven zu Bündeln von Hyphen,
Platzt, schiebt Stielchen mit Köpfen[2] der Helle entgegen,
Gerade als das Getreide[3] hoch oben zu blühen beginnt.
Ein merkwürdiges Timing, über viele Generationen erprobt.
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Am Rande des Köpfchens formen sich
– Soweit der Platz dafür reicht –
Engmündige Krüge[4] mit Dutzenden Asci:
In Bündeln zu Acht, schlank, eng aneinandergepresst,
Warten Sporen, wie Nadeln so dünn, auf den Abschuss
Durch des Ascus‘ Chitinkalotte[5], des nur scheinbar allzu engen Kanals.
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Ein Ascus nach den andern reckt sich dem Ausgang[6] entgegen,
Schießt wie Schrot zerfallende Sporen,
Denn sie zergliedern sich in Dutzende, eigenständige Stückchen
– Schon im Ascus mit Septen getrennt, präformiert –
Jedes geeignet, auf fedrig-fangender Narbe[7] zu landen,
Vollziehen als Erste, was Konidien[8] späterhin tun.
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So schließt sich wie von selbst Claviceps‘ Lebenskreis;
Zeigt der Evolution Akribie, zum Vorteil des Pilzes
Bis ins Feinste alles zu regeln:
Konidien, wären sie nicht von Nektar[9] umschlossen,
Müssten wie Sporen zerstäuben und
Hoffen, an richtigen Stellen zu landen;
Doch Insekten[10] bringen sie schnell
Ohne Verlust ans Ziel, an den nahrhaften Ort.
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Der Sporen Schrotschusszerstäuben
Gleicht der Sklerotien[11] Abgang durch
Pflügen,
Durch Ernte, zweckfremden Mahlens, vollständig aus;
Doch der Sklerotien Größe, ihren Reserven zur Folge,
Entsteh‘n oft mehr als ein Dutzend Stielchen mit Köpfchen.
Versammeln zur Sphäre mit bester Flächen-Raum-Relation
Perithecien zwecks gemeinsamen Ziels:
Wenn schon im Glück, dann es in Fülle auszukosten.
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Frost brauchen die Dauerorgane,
Um Schritt mit der Pflanzen Entwicklung zu halten;
Licht rezipieren[12] sie irgendwie,
Ihre Sporen dorthin zu schießen.
Doch eines ergänzt noch die Vielharmonie:
In Sklerotien bunkern sie Gift, so, dass niemand sie frisst.
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Fußnoten
[1] Claviceps purpurea: Mutterkornpilz (Calvicipitaceae – Hypocreales – Hypocreomycetidae – Sordariomycetes – Perithecienascomycota –…)
[2] Sammelfruchtkörper (Pezizomycotina): Viele einzelne Fruchtkörper werden durch gametophytisches Mycel, durch ein Stroma, zu einem zusammengesetzten Gebilde vereint
[3] Getreide: Sammelbegriff für kultivierte Süßgräser
[4] Perithecium, Krugförmiger Fruchtkörper, (Pezizomycotina): Bauchig-flaschenförmiger Fruchtkörper (wie eine Chianti-Flasche) mit enger Mündung, durch die sich streckende Asci Sporen in die Umwelt schießen, oder durch die im Innern abgeschossene Sporen allmählich nach außen gedrückt werden
[5] Chitin: Polymer aus N-Acetyl-Glucosamin, entstanden aus 1,4-β-Glucosen, an deren C2 eine [–NHCOCH3]-Gruppe hängt; anders ausgedrückt, an deren C2 eine [–NH2]-Gruppe, eine Aminogruppe, hängt, bei der ein Wasserstoffatom durch ein Acetyl [–COCH3] ersetzt ist. Zellwandpolysaccharid der Fungi (Echte Pilze), einiger Cnidaria (Nesseltiere), Lophophorata (Tentakulierte) und Exoskelett der Arthropoda (Gliederfüßer);
[6] Peristom (Ascomycota): Mündung, Öffnung eines Peritheciums
[7] Narbe (Bedecktsamer; Magnoliatae): Der obere, meist klebrige oder feuchte Teil des weiblichen Blütenorgans mit Hauptaufgabe, bei der Bestäubung die Pollenkörner (Blütenstaub) aufzufangen und deren Keimung zu ermöglichen
[8] Konidie: Asexuell und nach außen gebildete Verbreitungseinheit, die mit einer Hyphe oder hefeartig keimt
[9] Nektar i.w.S.: Süßliche, Insekten anlockende Flüssigkeit
[10] Insekten: Hexapoda (Tetraconata – Mandibulata – Arthropoda – Panarthropoda – Ecdysozoa –…)
[11] Sklerotien (Fungi): Runde, ellipsoide oder längliche Überdauerungsorgane aus dicht gepackten, reservestoffreichen Hyphen; der Sklerotien äußeren Bereiche sind durch Pilzmelanine meist dunkelbraun bis schwärzlich gefärbt.
[12] Rezipieren: empfangen, aufnehmen
Eingestellt am 24. Oktober 2026

Claviceps purpurea: Sklerotienkeimung (Originale; Reinhard Agerer)
Rechts: Mit gestielten Sammelfruchtkörpern gekeimtes Sklerotium.
Links oben: Längsschnitt durch Sammelfruchtkörperköpfchen; peripher mit dichtstehenden Perithecien (Einzelfruchtkörper).
Links unten: Reife Perithecien mit Asci und Sporen (nicht einzeln erkennbar); mittleres Perithecium mit ausgetretenen, in Einzelzellen zerfallenen Sporen.
Eingestellt am 24. Oktober 2026

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Claviceps purpurea: Entwicklungszyklus (ppt; Reinhard Agerer),
gezeigt an einem schematisch dargestellten Rispengras.
Der Entwicklungszyklus beginnt, wenn Gräser zur Blüte kommen und die fedrigen Narben (gelblich grün) der Fruchtknoten (gelblich grün, umrandet) aus der Blüte ragen (blaugrün: außen zugespitzte Deckspelze, innen Vorspelze; grasgrün: äußere Hüllspelze; unkoloriert: innere Hüllspelze).
Synchron dazu entwickeln sich nach der nötigen Winterruhe (Stratifikation) aus dem Sklerotium (dunkelbraun) die gestielt-köpfchenförmigen Sammelfruchtkörper; viele Perithecien besetzten mit Mündung nach außen das Köpfchen; jedes Perithecium ist ein separater Fruchtkörper mit P!K! und R! Zusammenghalten werden die Perithecien vom haploiden gametophytischen Hyphengeflecht, dem Stroma.
Nach Meiose (R!) werden im schlanken Ascus acht nadelförmige Sporen gebildet, die längszellulär gegliedert sind und an den Septen, wenn frei, zerfallen. Der Ascus ist mit chitinösem, kalottenartigem Apikalapparat ausstattet, der nur einen engen Kanal (Porus) freilässt, durch den die Sporen abgeschossen werden, nachdem die Asci sich individuell durch die Mündung des Peritheciums gequetscht hatten. Die infektiösen Zellen gelangen durch Abschuss und Wind auf die großflächigen, gefiederten Narben der Gräser, womit die parasitische Phase beginnt.
Keimen sie aus, infizieren die sich wiederholt verzweigenden Hyphen den Fruchtknoten (linke untere Blüte), mumifizieren ihn gleichsam und bilden an der Oberfläche kleine, rundliche Konidien, die in einen süß schmeckenden Tropfen (Nektar) eingeschlossen werden und darin auf Insektenbesuch warten (Blüten rechts).
Insekten nehmen den Nektartropfen mit Konidien (rechts oben), suchen nach weiteren Quellen (links oben) und übertragen beiläufig Konidien auf noch nicht infizierte Fruchtknoten. So kann Claviceps purpurea mehrere Blüten in einem Blütenstand (hier: Rispe) oder andere Individuen infizieren. Mit diesen rein mitotisch gebildeten Konidien erfolgt in einem Nebenkreislauf (NFF, Nebenfruchtform, violette Pfeile) asexuelle Vermehrung.
Nach ausreichender Ernährung werden gegen den Herbst die typischen Sklerotien gebildet, die abfallen und im Boden überwintern.
In Kreisform dargestellt zeigt sich eine haploide (n) NFF (violett) mit rein asexueller, hochpotenter Vermehrung zur Bildung der haploiden Sklerotien, an denen nach Bildung der Sammelfruchtkörper die Phasen der sexuellen Fortpflanzung erfolgen (braun): P! mit einer kurzen dikaryotischen Phase n+n; K! und R!. Durch Mitosen und Einziehen von Querwänden in die Sporen erfolgt durch Zerfall noch einmal eine potente Vermehrung der infektiösen Stadien.
In den nachfolgenden sechs Abbildungen ist der Entwicklungszyklus einer Powerpoint-Präsentation ähnlich aufgebaut
Eingestellt am 24. Oktober 2026

Der Entwicklungszyklus beginnt, wenn Gräser zur Blüte kommen und die fedrigen Narben (gelblich grün) der Fruchtknoten (gelblich grün, umrandet) aus der Blüte ragen (blaugrün: außen zugespitzte Deckspelze, innen Vorspelze; grasgrün: äußere Hüllspelze; unkoloriert: innere Hüllspelze).

Synchron dazu entwickeln sich nach der nötigen Winterruhe (Stratifikation) aus dem Sklerotium (dunkelbraun) die gestielt-köpfchenförmigen Sammelfruchtkörper; viele Perithecien besetzten mit Mündung nach außen das Köpfchen; jedes Perithecium ist ein separater Fruchtkörper mit P!K! und R! Zusammenghalten werden die Perithecien vom haploiden gametophytischen Hyphengeflecht, dem Stroma.

Nach Meiose (R!) werden im schlanken Ascus acht nadelförmige Sporen gebildet, die längszellulär gegliedert sind und an den Septen, wenn frei, zerfallen. Der Ascus ist mit chitinösem, kalottenartigem Apikalapparat ausstattet, der nur einen engen Kanal (Porus) freilässt, durch den die Sporen abgeschossen werden, nachdem die Asci sich individuell durch die Mündung des Peritheciums gequetscht hatten. Die infektiösen Zellen gelangen durch Abschuss und Wind auf die großflächigen, gefiederten Narben der Gräser, womit die parasitische Phase beginnt.

Keimen sie aus, infizieren die sich wiederholt verzweigenden Hyphen den Fruchtknoten (linke untere Blüte), mumifizieren ihn gleichsam und bilden an der Oberfläche kleine, rundliche Konidien, die in einen süß schmeckenden Tropfen (Nektar) eingeschlossen werden und darin auf Insektenbesuch warten (Blüten rechts).

Insekten nehmen den Nektartropfen mit Konidien (rechts oben), suchen nach weiteren Quellen (links oben) und übertragen beiläufig Konidien auf noch nicht infizierte Fruchtknoten. So kann Claviceps purpurea mehrere Blüten in einem Blütenstand (hier: Rispe) oder andere Individuen infizieren. Mit diesen rein mitotisch gebildeten Konidien erfolgt in einem Nebenkreislauf (NFF, Nebenfruchtform, violette Pfeile) asexuelle Vermehrung.
Nach ausreichender Ernährung werden gegen den Herbst die typischen Sklerotien gebildet, die abfallen und im Boden überwintern.

In Kreisform dargestellt zeigt sich eine haploide (n) NFF (violett) mit rein asexueller, hochpotenter Vermehrung zur Bildung der haploiden Sklerotien, an denen nach Bildung der Sammelfruchtkörper die Phasen der sexuellen Fortpflanzung erfolgen (braun): P! mit einer kurzen dikaryotischen Phase n+n; K! und R!. Durch Mitosen und Einziehen von Querwänden in die Sporen erfolgt durch Zerfall noch einmal eine potente Vermehrung der infektiösen Stadien.

Rechts: Epichloe typhina an Gras, Habitus
Autor: Dominique Jacquin
Lizenz: GNU Free Documentation License; unverändert
Links: Epichloe typhina, Nahaufnahme mit Perithecien in lockerem Stroma
(Original; Reinhard Agerer)
Eingestellt am 24. Oktober 2026
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Clavicipitaceae, Mutterkornpilzartige
4 Die Leidtragenen (AP)
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Dachten nur an das Mehr an Mehl, das aus ihnen entsteht;
Buken Brot und aßen davon,
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Kopfschmerzen, Übelkeit, Durchfall, Erbrechen, stellen als Erste sich ein.
Dauern Vergiftungen länger, kribbelt die Haut,
Weil der Gewebe Durchblutung, ihre Versorgung wird ständig gehemmt
Bis fernere Teile des Körpers,
Finger, Zehen, Lippen und Ohren, nekrotisieren[6],
Beulen, Geschwüre am Körper sich bilden,
Zehen, Finger und manch eines Leidenden
Hände und Füße vom Körper fallen!
Nichts befreite sie von der Pein!
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Antoniusfeuer[7] nannte man damals die Krankheit,
Weil Glieder und Haut wie Feuer oft brannten!
Nur barmherzige Pflege half, die Krankheit zu lindern.
So sorgten Antoniter[8], ein Orden der Hautkranke pflegte,
Für die erbarmungswürdigen Menschen,
Versorgten lindernd der Leidenden Wunden bis in den Tod.
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Malte einen bedauernswerten, liegenden Menschen,
Mit verstümmelten Gliedern, Geschwüren an Armen und Leib,
Als Hilfeschrei gleichsam, Gott möge das Leiden beenden. –
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Auch später noch, zu Zeiten von Kriegen
Werden Erkrankung, Vergiftung, Tod von Soldaten und Pferden
Brot mit Mutterkornanteil zugeschrieben.
Erst im siebzehnten Jahrhundert
Entdeckte der Mykologe Tulasne[11] den
Grund der wiederkehrenden Epidemie. –
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Heute scheint die Krankheit gebannt.
Freilich, unter dem Motto ‚zurück zur Natur‘
Holen sich manch grüne Apostel[12]
Ungereinigtes Getreide[13] direkt von Bauern;
Bedenken nicht, welche Gefahr auf sie lauert,
Weist sie nicht jemand aufs Mutterkorn hin.
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Mühlen reinigen Getreide jetzt immer
Mit rotierender Trommeln durchlöcherter Wand;
Sklerotien, größer und schwerer, verbleiben,
Körner fliegen hinaus durch das Sieb.
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Megamühlen verwenden modernste Methoden,
Lassen Körner in Reihe vorhanggleich, rieseln,
Überprüfen mit Laser der Fallenden Farbe,
Katapultieren die Dunklen aus dem Vorhang hinaus.
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Nicht wenige Mühlen sammeln kilogrammweise davon,
Senden sie Pharmafabriken zur Rohstoffgewinnung.
Leicht verändert, genau dosiert,
Wandeln Mutterkörner sich vom Toxin zur Medizin.
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Auch der siebziger Jahre weit verbreitete Droge LSD[14]
Stammt aus dem Mutterkornpilz;
Man glaubte, psychische Leiden damit heilen zu können,
Im Selbstversuch aber erlebte der Chemiker[15] Leiden im Wahn. –
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Warum das langgezogene Horn Mutterkorn heißt?
Schon früh erkannten Hebammen und Ärzte
Die blutstillende, Wehen fördernde Wirkung;
Förderten damit des Kindes Geburt.
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Ob schon damals, vor Christi Geburt,
Ovid[16] das Leiden der abtreibenden Mutter beklagte,
Weil sie zu viel des Mutterkorns nahm?
Die es damals wohl mit Absicht
Gegen ihr hilfsbedürftiges, vermeintlich unterusgeschütztes, Kind benutzte
Und Jahrhunderte später Tausenden Leuten
Als Geißel, als Strafe Gottes, erschien?
Doch heute geißeln sie Millionen ungeborener Kinder
Mit anderen grausamen Mitteln zu Tode[17]; noch
Vor des Kindes Geburt, so wie früher schon.
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Fußnoten
[1] Ergotamin (Mutterkorntoxin): ein Indolalkaloid
[2] Indolalkaloide: Bilden die größte Alkaloidgruppe, charakterisiert durch den Indol-Grundkörper; ihr gehören weit mehr als 1000 Vertreter an
[3] Sklerotium (Fungi): Feste, oft dunkle Überdauerungsform oder Speicherorgan vieler Pilze, aus dicht verflochtenen Hyphen bestehend, die es dem Pilz ermöglicht, ungünstige Umweltbedingungen wie Kälte, Trockenheit oder Nahrungsmangel über Monate oder sogar Jahre zu überstehen
[4] Claviceps purpurea: Mutterkornpilz (Calvicipitaceae – Hypocreales – Hypocreomycetidae – Sordariomycetes – Perithecienascomycota –…)
[5] Roggen: Secale cereale (Pooideae – BOP-Verwandtschaft – Poaceae – Poineae – Poales – …)
[6] Nekrosen: Absterben mehrerer Zellen in begrenztem Gebiet
[7] Antoniusfeuer: Mutterkornvergiftung
[8] Antoniterorden (1095–1803): Der Orden wurde in Südostfrankreich gegründet und wurde nach Antonius dem Großen (um 251–356) benannt; ursprünglich der Pflege von heimkehrenden Pilgern gewidmet, konzentrierte sich die Tätigkeit ab 1217 vor allem auf die Krankenpflege und auf Pflege und Behandlung am Antoniusfeuer Erkrankter
[9] Matthias Grünewald (um 1480 – vor 1. September 1528): Bedeutender deutscher Maler, Graphiker und Wasserbauingenieur der Renaissance; Maler (1512-1516) des berühmen Isenheimer Altars im ehemaligen Antoniter-Kloster in Isenheim/Colmar
[10] Isenheimer Altar (1512-1516): Elf Tafeln; auf der ‚zweiten Rückseite links‘, unten links mit verkrüppeltem an Antioniusfeuer Leidendem
[11] Tulasne Louis René, „Edmond“ Tulasne (1815–1885): Französischer Botaniker und Mykologe
[12] Vegetarier
[13] Getreide: Sammelbegriff für kultivierte Süßgräser
[14] LSD: Lysergsäurediethylamid; Rauschgift
[15] Hofmann, Albert (1906-2008): Schweizer Chemiker, Entdecker von LSD
[16] Ovid (43 v. Chr.–17 n. Chr.:): Römischer Dichter
[17] Abtreibung: Künstlich herbeigeführte Frühgeburt mit Todesfolge für das Kind oder durch Absaugen zerstückelt getötetes und aus dem Uterus gewaltsam entferntes Kind
Eingestellt am 24. Oktober 2026

Indolalkaloide (ppt; Reinhard Agerer)
Oben: Indolalkaloid; Grundstruktur
Links unten: Ergotamin (aus Claviceps purpurea)
Rechts unten: LSD (Droge: Lysergsäurediethylamid)
Kohlenstoff: grau. – Stickstoff: blau. – Sauerstoff: rot. – Wasserstoff violett. Einfachbindungen: feiner grüner Strich; Doppelbindungen: breiter grüner Strich.
Eingestellt am 24. Oktober 2026

Isenheimer Altar (Matthias Grünewald), Zweite Rückseite, linke Tafel
Unten links mit verkrüppeltem an Antoniusfeuer Leidendem
https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Isenheimer_Altar_(Colmar)_jm01229.jpg
Autor des Fotios: joergens.mi
Lizenz: Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported license; unverändert
Eingestellt am Oktober 2026
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Endpunkt erreicht!
