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Cladoniaceae, Rentierflechten

1 Überwältigt (TP)

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Dem Ziehweg[1] entlang auf der Seite der Almen[2]

Wollte er nicht und wandert, unentschlossen zunächst,

Am Ufer des Baches etwas bergauf;

Bemerkt weit voraus eine Brücke, überquert erfreut seinen Lauf.

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Bachab bemerkte er, als er herüben nach oben noch stieg,

Auf der anderen Seite, grauschimmernd etwas,

Kurz geschnitten, wie eine kürzlich gemähte Wiese,

Zwischen des Baches leicht geschliffenen Felsen und

Brockig aufragenden, steileren Hängen,

Überwachsen mit Rostblättrigen Alpenrosen[3], gleich nebenan.

Dort wollte er hin!

Neugierde trieb ihn voran.

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Noch glitzerte Tau an Glockenblumen[4] und Blättern,

Als er, zwischen leicht schon ausgetretenen Steinen,

Mit etwas Krume dazwischen und niederen Gräsern bedeckt,

Sich vorsichtigen Schritts einen Pfad sich bahnt.

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Erste Inseln des Rasens entdeckt er zwischen den Steinen.

Doch er wollte vorerst nicht halten

Bis hin zum ausgedehnteren Streifen

Dort vorne am Bach, am Fuße des Hangs.

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Weich und biegsam, mit der Hand streicht er darüber,

Folgen sie der fast schon liebkosenden Weise;

Nicht eintönig das Grau,

Grünlich, bräunlich, braun oft bespitzt,

Mit roten Punkten dazwischen;

Fast weiß, wenn schon trocken der Hang.

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Dicht steht der Rasen, etwas wellig die Fläche;

Nur die Spitzen sieht er, er denkt an Flechten.

Greift nicht in die Fülle der Decke hinein,

Zieht am Rand nur, die ganze Schönheit will er bewahren,

Einzelne Sträußchen[5] mit Vorsicht heraus,

Steckt sie, an mehreren Stellen holt er sie hoch,

Schier ehrfürchtig wieder zurück!

Nichts dergleichen hat er jemals geseh’n!

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Fußnoten

[1] Ziehweg: Schmaler, flacher Verbindungsweg im alpinen Gelände mit nur sehr geringem Gefälle

[2] Alm: Baumarme oder baumlose Bergwiese oder Bergweide

[3] Rostblättrige Alpenrose: Rhododendron ferrugineum (Ericoideae – Ericaceae – Ericales – Asteridae – Superasteridae –…)

[4] Glockenblumen: Campanula spp. (Campanuloideae - Campanulaceae – Asterales – Campanulanae – Asteridae -…)

[5] Strauchflechten:  Flechten, die sich strauchförmig, ästig verzweigt oder bartartig vom Untergrund erheben

Eingestellt am 24. Oktober 2026

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Cladoniaceae, Rentierflechten

2 Bodenständige Sträucher (TP)

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Rentierflechten in dichter Versammlung,

Recht selten in unseren Alpen zu haus,

Aber häufig in Tundrengebieten[1] Skandinaviens;

Einzige Nahrung Tausender Rene[2],

Schneebedeckt zwar im nordischen Winter,

Doch hufescharrend legen die Tiere sie frei.

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Cladonia rangiferina[3], arbuscula[4] und ciliata[5]

Standen in dichten Mengen als Rasen:

Sträucher[6], an verzweigten Stellen oft mehrfach verästelt,

Weit offen meist an der Gabel mit Zugang zum Mark[7];

Mit Spitzen, feinausgezogen, nicht selten zurück nach unten gekrümmt,

Apothecien- oft aber pyknidenbestückt[8],

Bräunlich davon oder rötlich gefärbt,

Falls ihre Enden nicht schon von dunklerem Braun.                              

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Auch Cetraria[9], das Isländische Moos,

Eine Parmeliacee, bodenbürtig, strauchförmig bandblättrig,

Schmuggelte sich in die Cladoniaceen-Gemeinschaft,

Zog durch braune, unterseits hellere Loben den Blick auf sich.

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Eine Cladonia setzte den Wanderer in seine Kindheit zurück

Als er noch Eisenbahn spielte, eine Landschaft um seine Gleise her baute,

Den Wald mit winzigen Bäumchen bestückte:

Cladonia stellaris[10], ein wenig gefärbt, der Wald war perfekt.

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Auch Architekten nehmen sie gerne,

Bäume zu markieren an Straßen und Haus;

Kranzbinder garnieren mit viel Akribie

Ihre Schmuckstücke für Friedhof und Tür.

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Wäre der Bergfreund nicht so fasziniert

Vor seinem Wunderteppich geblieben,

Hätte er wenige Meter daneben noch

Cladonien mit Apothecien, rot wie Karmin, geseh‘n.

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Fußnoten

[1] Tundra: Baumfreie oder baumarme Vegetationszone in den kalten Subpolargebieten der Erde, die nördlich der Waldgrenze liegt und durch Permafrostböden sowie extrem niedrige Temperaturen geprägt ist

[2] Ren: Rangifer tarandus (Capreolini – Telemetacarpalia – Cervidae – Pecora – Ruminantia –…)

[3] Cladonia rangiferina: Echte Rentierflechte (Cladoniaceae – Lecanorales – Lecanoromycetes – Apothecienascomycota – Unitunicate Ascomycota –…)

[4] Cladonia arbuscula: Sparrige Rentierflechte (Cladoniaceae – Lecanorales – Lecanoromycetes – Apothecienascomycota – Unitunicate Ascomycota –…)

[5] Cladonia ciliata: Zarte Rentierflechte (Cladoniaceae – Lecanorales – Lecanoromycetes – Apothecienascomycota – Unitunicate Ascomycota –…)

[6] Strauchflechten:  Flechten, die sich strauchförmig, ästig verzweigt oder bartartig vom Untergrund erheben

[7] Mark (Flechten): Lockere, algenlose Schicht aus Pilzfäden im Inneren des Flechtenkörpers

[8] Pycniden, Spermogonien (Fungi): Krugförmige Behälter für Konidien oder Spermatien

Pycnosporen, Spermatien (Fungi): In Pycniden (Spermogonien) entstehende „Konidien“, die als Spermatien männliche Kerne übertragen

[9] Cetraria islandica: Isländisch Moos (Parmeliaceae – Lecanorales – Lecanoromycetes – Apothecienascomycota – Unitunicate Ascomycota –…)

[10] Cladonia stellaris: Alpen-Rentierflechte (Cladoniaceae – Lecanorales – Lecanoromycetes – Apothecienascomycota – Unitunicate Ascomycota –…)

Eingestellt am 24. Oktober 2026

Oben: Cladonia stellaris, Alpen-Rentierflechte

Autor: Tigerente

Unten: Cladonia rangiferina, Echte Rentierflechte

Autor: U.S. Fish and Wildlife Service

Lizenz: Public domain

Eingestellt am 24. Oktober 2026

Oben: Cladonia arbuscula, Sparrige Rentierflechte

Autor: Tigerente

Lizenz:  Creative Commons Attribution 4.0 International license; unverändert

Unten: Cladonia furcata, Gabel-Säulenflechte

Autor: Llydia

Lizenz: Gemeinfrei

Eingestellt am 24. Oktober 2026

Cladonia portentosa, Ebenästige Rentierflechte

Autor: Tigerente

Lizenz: Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported license; unverändert

Eingestellt am 24. Oktober 2026

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Cladoniaceae, Rentierflechten

3 Aus der Menge ragend (TP)

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Von flach am Substrat[1], auch von bodenliegenden Lagern[2],

Profitieren am Anfang sie alle,

Richten zu hohlen Röhren senkrecht sich auf,

Verzichten, weil sonst zu stark sie beschattet, auf dichten Bestand;

An Holz jedoch, wenn die Bäumchen[3] wenig verzweigt,

Leben sie gerne weithin dicht.

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Spielerisch wirkt ihr Verhalten,

Wenn sie Podetien[4] in Vielfalt gestalten;

Treiben Stämme nach oben,

Fein beschuppt, wie mit Blättchen verseh’n,

Oft mit Soralen[5] dazwischen;

Erst weit oben verzweigt sich etwas ihr Baum

Mit kurzen, dicklichen, warzigen Ästchen;

An ihren Enden, wie mit Früchten gekrönt,

Roten Beeren fast gleich,

Prangen Apothecien, eins oder mehr.

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Zu Bechern, wohl um Regen zu fangen,

Ihn in die Tiefe zu trichtern,

Gestalten Einfallsreiche ihrer Podetien Wipfel;

Setzen Apothecien,

Vielleicht auch Pycniden[6] an ihren Rand,

Kontrastieren zu der Podetien Grün. –

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Rentierflechten, ohne blättrige Thalli dem Boden verbunden,

Vermehren sich meist nur asexuell[7] durch Konidien[8] und Soredien[9],

Oder mit Bruchstücken, wenn trocken und starr ihr Gezweig,

Mit Hilfe von Wind und Getier.

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Auch ihrer Grünalgen[10] wegen

Ragen sie aus der Lecanorales[11] Menge:

Asterochloris[12], ihres sternförmigen Chloroplasten halber,

Nennen Experten treffend Cladonias Partner.

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Fußnoten

[1] Substrat: Allgemeine Bezeichnung für feste, unterstützende, tragende oder nährende Substanz

[2] Flechtenthallus: Algenumgebendes Hyphengeflecht unterschiedlichster Formen, auf/in dem die Fruchtkörper der Flechte (des Pilzes) entstehen

[3] Strauchflechten:  Flechten, die sich strauchförmig, ästig verzweigt oder bartartig vom Untergrund erheben

[4] Podetien: Stengel- oder becherartige, meist aufrechte Fortsätze des Thallus bei bestimmten Flechten

[5] Sorale: Bildungsort der Soredien

[6] Pycniden, Spermogonien (Fungi): Krugförmige Behälter für Konidien oder Spermatien

[7] Asexuelle Vermehrung: Rein mitotisch bedingte Vermehrung, daher Individuen genetisch identisch

[8] Konidie: Asexuell und nach außen gebildete Verbreitungseinheit, die mit einer Hyphe oder hefeartig keimt

[9] Soredien: Winzige, mehlige oder körnige Päckchen aus Algenzellen und Pilzfäden, die der ungeschlechtlichen Vermehrung von Flechten dienen

[10] Grünalgen i.w.S.: Chlorophyta (Plantae – Eukarya)

[11] Lecanorales: Schüsselflechtenartige i.w.S. (Lecanoromycetes – Apothecienascomycota – Unitunicate Ascomycota – Inoperculate Ascomycota – Pezizomycotina –…)

[12] Asterochloris: Stern-Flechtenalgen (Trebouxiales; nicht separat behandelt – Trebouxiophyceae – Chlorophyta – Plantae – Eukarya)

Eingestellt am 24. Oktober 2026

Cladonia pyxidata, Echte Becherflechte

Autor: ErwinMeier

Lizenz: Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported license; unverändert

Cladonia fimbriata, Trompetenflechte

Autor: Rohieb

Lizenz: Creative Commons Attribution 4.0 International license; unverändert

Eingestellt am 24. Oktober 2026

Cladonia bellidiflora, Schönfrüchtige Scharlachflechte

Autor: Håkon Holien, NORD Universitet

Lizenz:   Creative Commons Attribution 4.0 International license; unverändert

Eingestellt am 24. Oktober 2026

Der Ascusscheitel der Cladoniaceae, verdickt, wie bei allen austrocknungsresistenten Lecanoromycetes, zeichnet im Ascusscheitel eine in Teilen schwach und in Teilen stark amyloide Struktur aus. Im Zentrum der Kalotte zeigt sich ein sehr dünner Porenkanal, der von einem stark amyloiden Ring umgeben ist.

Nach Rambold & Triebel (1994), Fig. 19 f, Seite 58

Eingestellt am 24. Oktober 2026

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Endpunkt erreicht!

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