zum Glossar mit Abbildungsverweisen über: 

Sclerotiniaceae, Sclerotienbecherlinge

1 Die letzte Chance (AP)

.

Zurückgeschnitten, tief ins gesund noch erscheinende Holz,

Damit Gummiflüsse[1] der Zweige restlos entfernt,

Wunden der größeren Schnitte mit Baumwachs[2] beschmiert,

Sollen ihn retten, ein letztes, ein allerletztes Mal,

Bevor er geschunden, zwar nicht betagt,

Der Säge im Herbst zum Opfer erbarmungslos fällt.

.

Reichlich, als hätt er den tödlichen Ernst der Lage begriffen,

Treibt er, zu Büscheln gebunden, zum Stolz des im Herzen Getroff‘nen,

Weiße, hellstrahlende Blüten:

Vielleicht ein letzter prächtiger Traum, aus dem er erwacht.

.

Doch – in der Nähe,

Im Vorjahr als Mumien[3] von Zweigen gefallen,

Regt es sich: Der lange Regen, die Kälte, bringen pilzliches Leben hervor;

Hyphen streben nach oben,

Schnüren wie Perlen der Kette sich zu Konidien[4],

Spalten die Septen mitten entzwei[5],

Heben im Wind sich nach obenhin ab.

.

Erste Blütenblätter, der Stolz der Morelle[6],

Fallen, befreienden Raum Früchten zu geben,

Wie Schneeflocken des unentschloss’nen Aprils,

Nach und nach schaukelnd herab,

Leichte Wunden, nur für kurze Zeit

Nicht ganz verheilt, hinter sich lassend.

.

Schon treibt der Wind des Pilzes Pioniere[7]

An sie heran – und landen

An nässender Stelle leicht klebend;

Finden, was sie ersehnt.

.

Treten ein mit neue Gefilde[8] suchenden Hyphen,

Durchwachsen die alternde Blüte,

Gelangen zum Stiel, folgen der Richtung

Bis hin, wo andere Blüten mit ihm vereint;

Dringen, ohne des Opfers Gefährten lang zu beachten,

Hinab in den Frühlingssaft führenden Zweig,

Breiten nach oben und unten sich aus,

Verstopfen unbezwingbar jegliche Bahn[9],[10].

.

Nicht lange mehr dauert des blütenbehangenen Zweiges Leben:

Verdurstet, verwelkt mitsamt seinen Blüten!

Traurig, verbräunt hängen vor kurzem noch frischgrüne Blätter

Am toten, wie ein Gerippe stehenden Trieb.

.

Nicht er allein, auch andere Zweige,

Lassen, was hoffnungsfroh der Knospe entsprang,

Wie Fahne um Fahne auf Halbmast gesetzt,

Nach unten todtraurig hängen.

.

Und wieder arbeitet die Schere[11]

Am Geschund‘nen Ast um Ast sich vor,

Um jede Hyphe Monilias[12] restlos zu eliminieren:

Nimmt an der Länge des traurigen Triebes Maß,

Schneidet vom Gesunden das Gleiche noch weg.

Enttäuscht legt der Morellen-Liebhaber die Ästchen zum Bündel –

Ab ins Feuer damit!

.

Für ein paar Triebe war zu kurz ihm die Leiter.

Ließ sie, bedauernd aber erzwungen, dort steh‘n,

Wohl wissend, dass bräunliche Hyphen aus ihnen bald sprießen,

Damit Konidien in die Gegend entflieh‘n.

.

Gerettet scheint ihm dennoch sein Sauerkirschbaum[13],

Auch wenn er wenige Früchte nur bringt

Und einzelne Spitzen noch welken;

Doch sie werden, sobald sie erscheinen, entfernt.

.

Im Herbst aber zeigt sich der Gummifluss wieder

Als Zeichen, dass Monilia im Inneren pennt.

– Da nimmt er Säge, Pickel[14] und Spaten –

Aus und vorbei!

.

Fußnoten

[1] Gummifluss: Keine eigenständige Krankheit, sondern ein Stress-Signal von Steinobstbäumen (wie Sauerkirschen, Süßkrichen, Zwetschgen oder Aprikosen). Der Baum sondert eine zähflüssige, bernsteinfarbene Masse an der Rinde ab, um Wunden abzudichten und Schädlinge abzuwehren

[2] Baumwachs: Besteht aus einer Harz-Wachs-Mischung mit Leinöl, die auch nach dem Auftragen als Rindenersatz jahrelang bei unterschiedlicher Witterung geschmeidig bleibt, um das Eindringen von Keimen in die Schnittwunde zu verhindern

[3] Verfaulte, getrocknete Früchte

[4] Konidie: Asexuell und nach außen gebildete Verbreitungseinheit, die mit einer Hyphe oder hefeartig keimt

[5] Holoblastische Konidienbildung: Dabei werden alle Zellwandschichten, die der Mutterzelle zu eigen sind, erweicht und in gleicher Schichtung (kontinuierlicher Übergang), bloß dünner, zur Bildung der Tochterzellwand verwendet, die dann bis zum Ende der Ontogenese annähern die gleiche Dicke wie jene der Mutterzelle erreicht

[6] Schattenmorelle: Prunus cerasus subsp. acida (Prunoideae – Rosaceae – Rosales – ZyFaRoFaCu-Verwandtschaft – Rosanae –…)

[7] Konidien

[8] Gefilde: Gehobener, oft dichterischer Ausdruck für eine Landschaft, eine Gegend oder einen Landstrich

[9] Siebröhren (Bedecktsamer): Sind ein hochspezialisiertes, kontinuierliches System aus aneinandergereihten, weitlumigen, kernlosen Siebröhrengliedern mit großer Zahl von Siebplatten in den hier quergestellten Querwänden, die einen schnellen Transport im Röhrensystem mit Hilfe von Geleitzellen ermöglichen

[10] Tracheen: Abgestorbene Wasserleitelemente von Eudicotylen, deren Längszellen trennende Querwände vollkommen oder zum Teil aufgelöst sind

[11] Gartenschere

[12] Monilia fructigena: NFF von Sclerotinia fructigena, Fruchtfäulepilz (Sclerotiniaceae – Helotiales – Leotiomycetes – Apothecienascomycota – Unitunicate Ascomycota –…)

[13] Sauerkirsche: Prunus cerasus (Prunoideae – Rosaceae – Rosales – ZyFaRoFaCu-Verwandtschaft – Rosanae –…)

[14] Pickel, Flachspitzhacke: Handwerkzeug mit einer spitzen und einer flachen Seite, die entgegengesetzt an einem Stiel ansetzen. Er dient zur Arbeit mit Stein als auch in der Erde

Eingestellt am 24. Oktober 2026

Prunus cerasus, Sauerkirsche

Autor: Original book source: Prof. Dr. Otto Wilhelm Thomé Flora von Deutschland, Österreich und der Schweiz 1885, Gera, Germany

Lizenz: Public domain

Eingestellt am 24. Oktober 2026

Monilia fructigena NFF, Sclerotinia fructigena HFF; Fruchtfäule (Originale; Reinhard Agerer)

Links oben: Abgefallener befallener Apfel; Konidienpolster in angedeuteten konzentrischen Zonen; Tag-Nacht-Rhythmus drückt sich darin aus.

Links unten: Noch am Zweig hängende, befallene Zwetschgen

Rechts: Spitzendürre an Sauerkirsche

Vorlesungsmanuskript entnommen.

Eingestellt am 24. Oktober 2026

.

Sclerotiniaceae, Sclerotienbecherlinge

2 Der gefräßige Kompagnon (AP)

.

Schon wieder fallen, nicht einmal halbreif, die Äpfel vom Baum,

Mit bräunlich-fauligen Stellen rund um ein kleines Loch!

Der Heimgärtner weiß, was da zu tun!

Ab in die Tonne[1] damit!

.

Monilia[2] kennt er als Apfelverderber,

Auch, dass Spritzmittel gegen ihn unbekannt.

Nur Aufsammeln hilft, oder den Apfelwickler[3],

Dessen Austrittslöcher Monilia liebt,

Gilt es, ihn mit Macht zu bekämpfen;

Insektizide[4] aber sind ihm ein Graus.

Nematoden[5] soll es neuerdings als Kampfmittel geben,

Sie lieben die Larven als Schmaus;

Bei kleineren Apfelbäumen[6] mag es gelingen, sie zu reduzieren,

Doch bei alten mit ausladendem Kronendach?

..

Jeden, auch noch so kleinen Platz, nutzt unser Gartenliebhaber für

Beerensträucher und für Blumen zur Zierde;

Monilia liebt, um in Ruhe sich zu entwickeln

Äpfel darin als willkomm’nes Versteck.

.

Der Ostliebhaber kennt die Gefahr!

Schiebt Blätter kräftiger Stauden[7] hinweg,

Zwängt sich durch Sträucher[8],

Hebt Falläpfel konsequent auf;

Doch einer liegt anscheinend lang schon am Fleck,

Mit Pusteln[9], in Ringen, verziert.

.

Ring um Ring,

Konzentrisch ums zentral gelegene Loch:

Sieben eng aneinander.

Sieben Tage zumindest liegt er schon hier!

Zeigen Tag und Nacht im Wechsel mit

Zwischenliegenden kahlen Stellen dies an.

.

Versteckt lag er, durch größere Blätter verborgen!

Da werden die Pusteln, so hofft der Apfelfreund, vielleicht nicht vergeblich,

Dass Konidien doch nicht so wirksam gestreut

Und nicht schon wieder neue Äpfel infiziert

Oder ihr Fallen vorherbestimmt haben!?

Seine Hoffnung hängt am argdünnen Faden.

.

Trotz aller Mühen bleiben am Ende nur wenige heil!

Er Lagert im Herbst dann doch ein paar ein und

Findet im Frühjahr, im Eck der Stellage versteckt,

Einen schwarzen Gesellen mit glänzender Haut.

.

Hier wirkte Monilia ganz im Verborg‘nen,

Durchzog den Apfel mit Hyphen komplett,

Blieb ohne konidienbildende Pusteln,

Den andern gelagerten Äpfeln zum Glück. –

.

Monilia bringt Kern[10]- und Steinobst[11] Verderben!

Jeder mit solchen Früchten im Garten, kennt diesen Namen,                            

Sclerotinia[12] meist aber nicht,

Denn ihre Becherchen[13], die sexuell Sporen gebären[14], verbreiten,

Bleiben überwiegend verborgen,

Schicken Nebenfruchtformen[15] für die schmutzige Arbeit[16] voran. –

.

Fußnoten

[1] Biotonne: Abfalltonne für biologisch abbaubare Abfälle

[2] Monilia fructigena: NFF von Sclerotinia fructigena, Fruchtfäulepilz (Sclerotiniaceae – Helotiales – Leotiomycetes – Apothecienascomycota – Unitunicate Ascomycota –…)

[3] Apfelwickler: Cydia pomonella (Tortricidae – Ditrysia s.s. – Ditrysia s.l. – Glossata – Lepidoptera –…)

[4] Insektizid: Insekten abtötendes Pestizid

[5] Steinernema feltiae: SF-Nematoden (Nematoda – Nematoidea – Cycloneuralier – Ecdysozoa – Protostomia -…)

[6] Apfel, Kulturapfel: Malus domestica (Pomoideae – Rosaceae – Rosales – ZyFaRoFaCu-Verwandtschaft – Rosanae –…)

[7] Stauden: Mehrjährige, winterharte krautige Pflanzen; verholzen im Gegensatz zu Sträuchern ihre oberirdischen Triebe nicht

[8] Strauch: Mehrjähriges, verholzte Pflanze, bildet im Gegensatz zu einem Baum keinen einzelnen, dicken Hauptstamm, wächst stattdessen mit mehrere Trieben direkt aus dem Boden oder knapp darüber, die zudem sich stark verzweigen

[9] Konidie: Asexuell und nach außen gebildete Verbreitungseinheit, die mit einer Hyphe oder hefeartig keimt

[10] Kernobst: Charakteristisch ist das namensgebende Kerngehäuse aus mehreren, meist fünf, Fruchtblättern im Inneren der Frucht, die meist mehrere Samen beherbergen. Botanisch gesehen handelt es sich bei Kernobst um Scheinfrüchte, weil die Fruchtblätter von saftigem Achsengewebe umgeben sind; typische Frucht der Maloideae

[11] Steinobst: Früchte, die im Inneren einen einzigen, harten Kern (auch Stein genannt) besitzen, welcher den eigentlichen Samen schützt. Dieser „Stein“, das Endocarp des Fruchtblatts ist von weichem, meist sehr saftigem Fruchtfleisch (Mesocarp) umgeben, geschützt vom häutigen oder ledrigen Exocarp.

[12] Sclerotinia spp. (Sclerotiniaceae – Helotiales – Leotiomycetes – Apothecienascomycota – Unitunicate Ascomycota –…)

[13] Apothecium, Schüsselförmiger Fruchtkörper (Pezizomycotina): Fruchtkörper mit weiter Öffnung für das Hymenium (wie die konkave Seite einer Schüssel), so dass Asci ihre Sporen ungehindert in die Umgebung schießen können

[14] Ascosporen: Meiosporen der Ascomycota; meist einfach Sporen genannt

[15] Nebenfruchtform, Nebenkreislauf: Eine asexuelle Vermehrung, die nicht direkt in den Entwicklungskreislauf (Hauptkreislauf, Hauptfruchtform) eingeschaltet ist, sondern für eine seiner Phasen der schnellen, oft explosionsartigen Vermehrung dient

[16] Parasitische Tätigkeit

Eingestellt am 24. Oktober 2026

Monilia fructigena, holoblastische Konidienbildung (Originale; Reinhard Agerer)

Oben: Konidien.

Unten: Konidiophoren mit Einschnürungen, an denen Querwände entstehen, um Konidien zu bilden, die sich in der Kette durch Spalten der Septen voneinander lösen.

Einschub: Schematische Darstellung der holoblastischen Konidienbildung: Die kompletten Längswände der Hyphen (Konidiophoren) gehen in die Konidienwände ein.

Eigenem Vorlesungsmanuskript entnommen.

Eingestellt am 24. Oktober 2026

Cydia pomonella, Apfelwickler

Oben: In Ruhestellung

https://de.wikipedia.org/wiki/Apfelwickler

Autor: Olei

Lizenz:  Creative Commons Attribution-Share Alike 2.5 Generic license; unverändert

Mitte: Männchen

Autor: Simon Winkley & Ken Walker, Museum Victoria

Unten: Jungraupe

Autor: Joachim K. Löckener

Lizenz: GNU Free Documentation License; unverändert

Eingestellt am 24. Oktober 2026

.

Sclerotiniaceae, Sclerotienbecherlinge

3 Wenn der Wirt stirbt (AP)

.

Sclerotinia[1], der Name verrät es bereits,

Sorgt für den Notfall ausreichend vor:

Befällt einjährige Pflanzen oft, oder deren Teile im Spätherbst verschwinden,

Durchdringt schmarotzend Halme, Blätter und Stengel,

Ballt, wenn der Wirt für den Winter sich rüstet,

Hyphen zu festeren Körpern[2],

Durchwirkt äußere Wände mit Pilzmelanin[3],

Legt sich mitsamt seinem Wirt, vielleicht auch alleine, zur Ruh!

Überwintert manchmal in trockenen Früchten und Samen

Nur als Mycel[4].

.

Im Frühjahr, wenn Feuchte und Wärme sie lockt,

Treiben Sklerotien Hyphen hervor,

Formen Stiele, setzen Becher[5] darauf,

Gefüllt mit Paraphysen[6] und Aci[7];

Schießen durch amyloider[8] Ringe spezieller Struktur[9],

Oft mehrkernige Sporen ins Feld,

Dringen in sprießende Pflänzchen, in schutzlose Zellen;

Treffen gleichfalls nicht geeignete Stellen.

Keimen, bleibt die Feuchtigkeit ausreichend hoch,

Mit Mikrokonidien[10] zum Weiterverbreiten die Sporen,

Doch auch in Asci, wenn zu lange sie standen;

Erhöhen so ihre Ausbreitungspotenz.

.

Kaum Vorsorge treffen Apothecien für ihren Schutz.

Schnell muss es gehen, Becher zu formen!

Bläh’n äußere Zellen zu Sphären,

Vergrößern die Schüssel in kurzem Verlauf.

.

Fußnoten

[1] Sclerotinia spp. (Sclerotiniaceae – Helotiales – Leotiomycetes – Apothecienascomycota – Unitunicate Ascomycota –…)

[2] Sklerotien (Fungi): Runde, ellipsoide oder längliche Überdauerungsorgane aus dicht gepackten, reservestoffreichen Hyphen; der Sklerotien äußeren Bereiche sind durch Pilzmelanine meist dunkelbraun bis schwärzlich gefärbt.

[3] Pilzmelanine: Eine diverse Gruppe bräunlicher bis schwarzer Substanzen von Fungi, die ihren Ausgang von Pentaketiden nehmen (entstanden aus fünf Acetaten) und nicht von DOPA, wie dies für Animalia zutrifft.

[4] Mycel: Gesamtheit dicht oft wachender Hyphen

[5] Apothecium, Schüsselförmiger Fruchtkörper (Pezizomycotina): Fruchtkörper mit weiter Öffnung für das Hymenium (wie die konkave Seite einer Schüssel), so dass Asci ihre Sporen ungehindert in die Umgebung schießen können

[6] Paraphysen (Pezizomycotina): Sterile, gametophytische (haploide), zum Teil speziell gestaltete, zwischen den Asci stehende Hyphen, die mitunter an ihrem apikalen Ende verbreitert sind und so eine Schutzschicht über den sich entwickelnden Asci bilden, die von ihnen bei Reife durchstoßen wird, um die Sporen unbehindert abschießen zu können

[7] Ascus, Schlauch: Meiosporangium der Ascomycota

[8] Amyloid: Blau nach Jodbehandlung

[9] Apikalapparat (Pezizomycotina): Vorrichtung der Ascusspitze, um die Sporen zu befreien

[10] Mikrokonidien: Im Gegensatz zu Makrokonidien; sie werden von manchen Pilzen zusätzlich zu den größeren, regulären Konidien, dann Makrokonidien genannten Konidien, gebildet

Eingestellt am 24. Oktober 2026

Oben: Dumontia tuberosa (Gemeiner Anemonenbecherling)

Autor: Dragonòt

Lizenz:  Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported license; unverändert

Unten: Ciboria amentacea (Erlenkätzchen-Becherling)

Autor: Andreas Kunze

Lizenz: Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported license; unverändert

Eingestellt am 24. Oktober 2026

.

Sclerotiniaceae, Sclerotienbecherlinge

4 Schäden (AP)

.

Nur wenige Arten führen zu schwerwiegenden Schäden:

Zum Beispiel Sclerotinia minor[1] an Trifolium[2], Klee:

Der Schädling par excellence!

Akzeptiert als Wirt, alles was krautig nur wirkt!

In mehr als dreihundertfünfzig Arten

Aus fünf Dutzend Familien wächst er empor!

.

Lädierte Stellen, wie Monilia[3], braucht meistens auch er,

Dringt über abgestorbene Blätter und Blüten

– Hat er saprotroph[4] sich anfangs ernährt –

In grüne, noch lebende Gegenden vor[5].

Bildet, gut sichtbar nicht selten, weißlichen Schimmel[6],

Auf befallener Fläche dichtes Mycel[7].

.

Mit Sklerotien[8] heftig verseuchte Felder

Führen zu hohem Ertragsverlust.

Hülsenfrüchtler[9], wohl des hohen Proteingehalts wegen,

Freilich auch Sonnenblumen[10], leiden speziell unter ihm.

.

Feldfruchtwechsel mit weniger anfälligen Arten,

Buchweizen[11], Flachs[12] und Mais[13],

– Generell Gräser[14] werden genannt –

Verringern über Jahre hinweg der Sklerotien Lebensbestand.

Doch Sporen benachbarter Felder

Oder Unkrautrainen, fliegen bald wieder an.

.

Lichte Reihen, in Windrichtung stehend

Verhindern längere, Fäulnis bewirkende Nässe,

Bieten Sklerotiniensporen kaum eine Chance,

In empfänglichen Nischen zu siedeln.

.

Auch tiefes Pflügen, sofern nicht kurz darauf wiederholt,

Lassen Sklerotien zuvor noch verhungern,

Bevor Apothecien[15], zu lang ist der Stiel unterwegs,

Des Bodens Oberfläche erblicken.

Vielen Bakterien[16], einigen Pilzen[17], gilt es als Fest,

Liegt ein Sklerotium auf ihrem Weg. –

.

Wer kennt nicht das Leid, liegen Erdbeeren[18] und andere saftige Früchte

Verschimmelt am Boden, gar inmitten der Schale, die er gekauft,

Mit grauem Pelz, der wohl selbst unter Berührungen leidet,

Der darunter die Beeren verbarg, die er zermatscht!

.

Grauschimmel[19] sein Name, der mit Konidien[20]

Irgendwoher, aus dem Nichts scheinbar kam,

Den Winter als Mycel irgendwo überlebte,

Sich an Süßem nun labt.

.

Nimmt mit Grünem gleichfalls Vorlieb:

Verschafft sich Zutritt durch Stengel, durch Blatt.

Braucht keine Sklerotien,

Verzichtet auf Sex, soweit uns heute bekannt[21].

.

Fußnoten

[1] Sclerotinia minor: Erreger der Sklerotinia-Welke (Sclerotiniaceae – Helotiales – Leotiomycetes – Apothecienascomycota – Unitunicate Ascomycota –…)

[2] Trifolium spp.: Klee (Faboideae – Fabaceae – Fabales – ZyFaRoFaCu-Verwandtschaft – Rosanae –…)

[3] Monilia fructigena: NFF von Sclerotinia fructigena, Fruchtfäulepilz (Sclerotiniaceae – Helotiales – Leotiomycetes – Apothecienascomycota – Unitunicate Ascomycota –…)

[4] Saprotroph, saprob: Von totem, organischem Material lebend

[5] Parasitisch, parasitär: Schmarotzend leben auf Kosten lebender Organismen

[6] Schimmel (Pilze): Nebenfruchtformen von Pilzen; ein weißlicher, grauer, grünlicher, rötlicher, bräunlicher, rötlicher oder schwärzlicher Belag, der auf feuchten Substraten entsteht

[7] Mycel: Gesamtheit dicht oft wachender Hyphen

[8] Sklerotium (Fungi): Feste, oft dunkle Überdauerungsform oder Speicherorgan vieler Pilze, aus dicht verflochtenen Hyphen bestehend, die es dem Pilz ermöglicht, ungünstige Umweltbedingungen wie Kälte, Trockenheit oder Nahrungsmangel über Monate oder sogar Jahre zu überstehen

[9] Hülsenfrüchtler, Leguminosen: Fabaceae (Fabales – ZyFaRoFaCu-Verwandtschaft – Rosanae – Rosidae – …)

[10] Sonnenblume: Helianthus annuus (Astereae – Asteroideae – Asteraceae – Asterales – Campanulanae –…)

[11] Buchweizen: Fagopyrum esculentum (Polygonaceae – Polygoninae – Caryophyllales – Superasteridae – Eudicotyle –…)

[12] Flachs: Faser der Flachspflanze (Linum usitatissimum), die zu Leinen verarbeitet und zum Rohrverbindungen Abdichten verwendet wird

[13] Mais: Zea mays (Panicoideae – BOP-Verwandtschaft – Poaceae – Poineae – Poales – …)

[14] Süßgräser i.e.S.: Pooideae (BOP-Verwandtschaft – Poaceae – Poineae – Poales – Commelinanae –…)

[15] Apothecium, Schüsselförmiger Fruchtkörper (Pezizomycotina): Fruchtkörper mit weiter Öffnung für das Hymenium (wie die konkave Seite einer Schüssel), so dass Asci ihre Sporen ungehindert in die Umgebung schießen können

[16] Prokaryot, Prokaryont: Organismus, der keinen echten Zellkern besitzt, sondern einfache, meist ringförmige Chromosomen frei in einem zentralen Bereich liegen hat

[17] Echte Pilze, Chitinpilze: Fungi (Opisthokonta – Eukarya)

[18] Erdbeeren, Kulturerdbeeren: Fragaria × ananasa (Rosoideae – Rosaceae – Rosales – ZyFaRoFaCu-Verwandtschaft – Rosanae – …)

[19] Grauschimmel: Botrytis cinerea (Sclerotiniaceae – Helotiales – Leotiomycetes – Apothecienascomycota – Unitunicate Ascomycota –…)

[20] Konidie: Asexuell und nach außen gebildete Verbreitungseinheit, die mit einer Hyphe oder hefeartig keimt

[21] Nebenfruchtform, Nebenkreislauf,: Eine asexuelle Vermehrung, die nicht direkt in den Entwicklungskreislauf (Hauptkreislauf, Hauptfruchtform) eingeschaltet ist, sondern für eine seiner Phasen der schnellen, oft explosionsartigen Vermehrung dient

Eingestellt am 24. Oktober 2026

Unten links: Botrytis cinerea (Grauschimmel) auf Tomatenstauden

Autor: Rasbak 

Lizenz:  GNU Free Documentation License; unverändert

Unten rechts: Botrytis cinerea auf Erdbeeren

Autor: Rasbak

Lizenz: Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported license; unverändert

Oben: Botrytis galanthina auf Schneeglöckchen

Mikroskopisches Bild der Konidien und Konidienträger; holoblastische Konidienbildung; mit rotem Farbstoff angefärbt

Autor: Heiko4

.

Film: Edelfäule des Weins

Eingestellt am 24. Oktober 2026

.

Sclerotiniaceae, Sclerotienbecherlinge

5 Kastrierer (AP)

.

Ausdauer, Beobachtungswille, ein immerzu offenes Auge,

In der Tasche eine gut vergrößernde Klapplupe, am besten schon um den Hals,

Braucht ein Biologe, der Organismen Vielfalt zu sehen, sie zu verstehen,

Ob auf Wiesen, Feldern, im Gesträuch oder im Wald.

.

Immer wieder lässt sich so, auch heute noch, Neues entdecken.

Oft fragt man sich, warum hat früher dies nicht schon jemand erkannt,

Oder wuchs es ehedem nur ganz woanders,

Kam erst vor kurzem zu uns aus noch unverstandenem Grund.

.

So erging es Ludwig Beenken[1], dem Mykologen, ständig bereit noch Unbekanntes zu finden,

Als er sich männliche Blütenzäpfchen[2] von Fichten[3] genauer besah,

Die nicht wie Nachbarn, normal die Schuppenblätter spreizten:

Mycelverklebt waren sie; Pollen[4] und Pollensäckchen[5] der Weg zur Freiheit versperrt.

.

Andere gaben sich völlig verwandelt, fest verbacken,

Völlig überzogen, durchdrungen von Pilzmycel[6];

Die Lupe nur ließ es erkennen: der ein oder anderen Schuppe

Saß eines winzigen Becherlings Primodium[7] auf.

.

Männliche Blütenzäpfchen, recht ungewöhnlich für Fichten,

Blieben hängen an Zweigen mit immer noch festem Sitz,

Kleine, kurzgestielte Schüsseln[8] waren daran zu sehen,

Mit dunkelbrauner, fast schwärzlicher, pudrig erscheinender äußerer Wand.

Wurde trocken das Wetter, krümmten nach innen sich ihre Wände,

Hüllten so des Apotheciums Hymenium[9] schützend ein,

Dehnten sich, zog wieder Feuchtigkeit durch die Gegend, zu

Flachen Untertassen mit heller Scheibe auf.

.

Austrocknungstolerant waren die Ascokarpien[10]; Asci[11] schossen

Wieder normal, wie gewohnt ihre Sporen, stellte sich später heraus.

Nirgendwo sonst waren die Zäpfchenpilze zu finden:

Nicht an Nadeln, nicht an Ästchen, auch an weiblichen Zapfen[12] nicht.

.

Wovon lebt das Mycel, wovon zehren die Pilze,

Die sich auf diese enge ökologische Nische spezialisiert?

Vergleichende Studien zeigten ihre Ernährungsweise:

Durchwuchsen der männlichen Blüten Pollensäckchen zunächst,

Durchdrangen Pollenkörner, durchzogen die inneren Schätze,

Zehrten von innen sie vollkommen auf.

.

Doch dies war gleichsam nur die Kleinkindernahrung.

Fraßen danach alles, auch des Zäpfchens Schuppen, auf,

Setzten Sklerotien[13] an die Stelle der Blüte,

Ihr Dauerorgan, so wie für Sclerotiniaceae es sich gehört.

.

Durch viele Merkmale von allen anderen Gattungen abweichend:

Keinen Porus[14] besitzt der Ascus, öffnet sich nur mit Schlitz,

Ein Merkmal wohl dem exponierten Vorkommen geschuldet;

Sechzehnkernige Sporen, im Ascus nur zu viert;

Die einmalige ökologische Nische[15] an Piceas männlichen Zäpfchen,

Eigenständigkeit bezüglich Molekularphylogenie[16].

Sie ließen die Forscher zurecht sicherlich schließen,

Eine neue Gattung repräsentiert in Sclerotiniaceae der Pilz.

.

Schnell war ein treffender Gattungsname gefunden:

Microstrobilinia[17], weil er auf den kleinen, den männlichen Zäpfchen nur wächst

Und castrans, entfernt er doch der männlichen Blüten Staubbeutel und Pollen;

So wirken die Blüten wie kastriert.

.

Ein Letztes noch ließ die Forscher nicht mehr in Ruhe:

Falls wir den Kastrierer nicht permanent übersahen, kam er sicherlich irgendwo her.

Der gegenwärtigen Häufigkeit wegen – nur auf Fichtenarten –

Schließen Übersehenwerden verständlicherweise aus.

Der stärkste Befall, an der fremdländischen Picea smithiana[18],

Das geringe Vorkommen an Omorika[19] und Picea abies[20]

Deuten womöglich auf kürzliches Importieren aus Asien,

Picea smithianas natürlicher Heimat, nach Europa hin.SL

.

Fußnoten

[1] Ludwig Beenken: Wissenschaftler am Schweizer Institut für Wald, Schnee und Landschaft (WSL), Birmensdorf

[2] Männliche Zäpfchen stellen eine ganze Blüte dar

[3] Gewöhnliche, Gemeine Fichte: Picea abies (Pinineae – Pinales – Conifera – Coniferopsida – Spermatophytina –…)

[4] Pollen, Blütenstaub: Mehlartige oder verklebte Masse von haploiden Pollenkörnern in Staubblättern von Samenpflanzen.

[5] Pollensäckchen: Behälter, in denen der Pollen, der Blütenstaub gebildet wird

[6] Mycel: Gesamtheit dicht oft wachender Hyphen

[7] Primordium (Fungi): Erste Anlage, erste Verknäuelung von Hyphen, um Fruchtkörper zu bilden

[8] Apothecium, Schüsselförmiger Fruchtkörper (Pezizomycotina): Fruchtkörper mit weiter Öffnung für das Hymenium (wie die konkave Seite einer Schüssel), so dass Asci ihre Sporen ungehindert in die Umgebung schießen können

[9] Hymenium (Fungi): geschlossene Schicht von Asci oder Basidien mit, falls vorhanden, dazwischenstehenden sterilen Elementen, Paraphysen (Ascomycotina) oder Cystiden (Agaricomycotina)

[10] Ascoma, Ascomata, Ascokarp: Fruchtkörper der Pezizomycotina

[11] Ascus, Schlauch: Meiosporangium der Ascomycota

[12] Weibliche Zapfen stellen Blütenstände dar; jeder Schuppenkomplex entspricht einer Blüte

[13] Sklerotium (Fungi): Feste, oft dunkle Überdauerungsform oder Speicherorgan vieler Pilze, aus dicht verflochtenen Hyphen bestehend, die es dem Pilz ermöglicht, ungünstige Umweltbedingungen wie Kälte, Trockenheit oder Nahrungsmangel über Monate oder sogar Jahre zu überstehen

[14] Porus (Ascomycota): Apikale Öffnung zur Befreiung der Sporen

[15] Ökologische Nischen: Meist kleine Gebiete, Habitate, mit relativ einheitlichen Lebensbedingungen

[16] Molekularphylogenie: Auf Molekülähnlichkeiten (meistens von DNA, doch mitunter auch von Proteinen) basierende Schlüsse bezüglich Stammesgeschichte bzw. Verwandtschaftslinien von Organismen

[17] Microstrobilinia castrans: Fichtenkastrierender Zäpfchen-Becherling (Sclerotiniaceae – Helotiales – Leotiomycetes – Apothecienascomycota – Unitunicate Ascomycota –…)

[18] Picea smithiana: Smiths Fichte (Pinineae – Pinales – Conifera – Coniferopsida – Spermatophytina –…)

[19] Omorika-Fichte: Picea omorika (Pinineae – Pinales – Conifera – Coniferopsida – Spermatophytina –…)

[20] Picea abies: Gewöhnliche, Gemeine Fichte (Pinineae – Pinales – Conifera – Coniferopsida – Spermatophytina –…)

SL Beenken L, Stroheker S, Dubach V, Schlegel M, Queloz V, Gross A (2023) Microstrobilinia castrans, a new genus and species of the Sclerotiniaceae parasitizing pollen cones of Picea. Mycol Progress 22:4.

Eingestellt am 24. Oktober 2026

.

Microstrobilina castrans

Oben: Apothecien von Microstrobilinia castrans auf männlicher Blüte der Serbischen Fichte (Picea omorika) im Frühjahr

Autor: Mykologe

Unten: Apothecien von Microstrobilinia castrans auf männlicher Blüte von Himalaja-Fichte (Picea smithiana) im Frühjahr

Autor: Mykologe

Eingestellt am 24. Oktober 2026

.

Endpunkt erreicht!