zum Glossar mit Abbildungsverweisen über: 

Teloschistineae, Gelbflechten

1 Gelb tapeziert (TP)

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Feuchten Bachtälern, auch Straßen entlang,

Zweige und Äste eigelb ummantelnd,

Tieforange mit rundlichen Scheiben[1] verziert,

Unter nektartropfenden[2] Bäumen auf Dächern,

An Orten, wo Vögel[3] gern rasten und defäzieren[4],

Lebt Xanthoria[5], die Gelbflechte, in verschiedenen Arten.

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Anthrachinone[6] liebt die Verwandtschaft für den gelblichen Teint,

Könnte mit Lauge die Sippe sich tränken,

Schminkte Xanthoria sich kräftig violett,

So aber lebt sie ganz natürlich an diesem Ort.

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Sauer stößt es ihr auf, wenn andere Flechten die Gegend schon meiden,

Weil SO2 die Region so versäuert;

Ihr macht es nichts aus und freut sich,

Mehr Platz für die eigenen Thalli zu finden.

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Asci steh‘n in fest umrindeten[7] Scheiben,

Keulig, etwas plump, mit seitlich verdickter Wand,

Mit sechzehn Sporen – scheinbar nur –

Blickst du nicht im richtig Lichtmikroskop hin;

Denn eine mächtige Querwand,

Ein Drittel der ellipsoiden Sporen gesamten Erstreckung,

Teilt sie in zwei polar liegende Räume,

Gefüllt mit Protoplast[8] und je einem Kern[9],

Verbunden mit hauchfeinem Kanal, der Querwand verlängertem Porus,

Der viel dünner noch als die seitliche Wand:

Polardiblastisch[10] nennen Lichenologen diesen charakteristischen Typ;

Die Sphären der Sporen täuschen je eine einzelne vor.

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Ein Epithecium[11], aus der Paraphysen[12] keuligen Köpfen,

Schließt sie, bis sie reif zum Katapultieren[13], zudeckend ein;

Erst am Ende ihrer Entwicklung,

Durchdringen sie, sich streckend, die schützende Decke,

Spalten am oberen Ende die Wand[14] und

Jagen die Sporen durch den Porus davon.

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Ohne Bedenken verzichten die meisten,

Auf asexuelle Vermehrung[15].

Sporen, über die Fläche gerechnet, in riesigen Mengen,

Treffen bestimmt mit haushoher Quote, Trebouxia[16], ihre Grünalgenliebe,

Oder benachbarte Flechten mit solcherart Algen:

Klauen mit Hyphen einige Zellen davon.

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Fußnoten

[1] Apothecium, Schüsselförmiger Fruchtkörper (Pezizomycotina): Fruchtkörper mit weiter Öffnung für das Hymenium (wie die konkave Seite einer Schüssel), so dass Asci ihre Sporen ungehindert in die Umgebung schießen können

[2] Nektar i.e.S.: Von Bedecktsamern abgeschiedene zuckerhaltige Flüssigkeit, um Bestäuber anzulocken

[3] Vögel: Aves (Maniraptora – Coelurosauria – Tetanurae – Theropoda – Saurischia – …)

[4] Defäzieren: Kot auszuscheiden

[5] Xanthoria spp.: Gelbflechten (Teloschistineae – Teloschistales – Lecanoromycetes – Apothecienascomycota – Unitunicata Ascomycota –…)

[6] Anthrachinone: Chemische Verbindungen, die sich vom Anthrachinon ableiten und verschiedene Farbstoffe stellen

[7] Excipulum: Becherförmiges, steriles Gewebe, das das Hymenium in den Fruchtkörpern von Schlauchpilzen umschließt

[8] Protoplast, Protoplasma: Gesamter Inhalt einer Zelle (ohne Saftvakuole)

[9] Zellkern

[10] Polardiblastisch, Polardiblastie: Zu Beginn der Ontogenese ursprünglich zweizelliger Sporen verdickten Querwand so stark, dass nur an beiden Polen eine kleine, kuglige Zelle überblieb; gelegentlich lässt sich im Lichtmikroskop in der verdicken Querwand ein sehr dünner Kanal erkennen, dort blieb der Septenporus, die Zellverbindung, erhalten und wurde mit der Querwandverdickung zum Kanal

[11] Epithecium (Apothecienascomycota):: Feste, oft gefärbte Deckschicht über dem Hymenium bei bestimmten Pilzen und Flechten; es entsteht als äußere Schutzschicht dadurch, dass die Enden der Paraphysen, die über die Asci hinausragen, miteinander verwachsen und verschleimen

[12] Paraphysen (Pezizomycotina): Sterile, gametophytische (haploide), zum Teil speziell gestaltete, zwischen den Asci stehende Hyphen, die mitunter an ihrem apikalen Ende verbreitert sind und so eine Schutzschicht über den sich entwickelnden Asci bilden, die von ihnen bei Reife durchstoßen wird, um die Sporen unbehindert abschießen zu können

[13] Sporenschießen

[14] Fissitunicat: Ähnlich bitunicat doch trennt sich der Exoascus nur im oberen Teil des Ascus vom Endoascus

[15] Asexuelle Vermehrung: Rein mitotisch bedingte Vermehrung, daher Individuen genetisch identisch

[16] Trebouxia: Flechtenalgen (Trebouxiales; nicht separat behandelt – Trebouxiophyceae – Chlorophyta – Plantae – Eukarya)

Eingestellt am 24. Oktober 2026

Anthrachinone der Teloschistineae (ppt; Reinhard Agerer)

Oben: Anthrachinon-Grundbaustein (zum Vergleich)

Mitte: Parietin

Unten: Teloschistin

Kohlenstoff: grau. – Sauerstoff: rot. – Wasserstoff violett. Einfachbindungen: feiner grüner Strich; Doppelbindungen: breiter grüner Strich

Eingestellt am 24. Oktober 2026

Xanthoria parietina; Wand-Gelbflechte (Original, ppt; Reinhard Agerer)

Hintergrund: Thallus mit intensiver gefärbten Apothecien

Links: Asci und polardiblastische Sporen (Schema)

Oben: Algen mit Sporen (Schema)

Rechts unten: Beginnende Flechtenbildung mit Algen und ummantelnden Hyphen (Schema)

Eingestellt am 24. Oktober 2026

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Teloschistineae, Gelbflechten

2 Abgeschaut? (TP,HP)

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Hingeschmiegt, fest verbunden mit dem Substrat[1],

Verkrallt, kaum Abstand zum Untergrund lassend,

Nur hyphenkompaktes,

Dennoch, um Wasser zu halten, nicht allzu dichtes Geflecht;

Mit Apothecien auf dem Rücken

Frei, oder später vom Thallus umrindet,

So war wohl der Anfang der Flechten,

Start des ebenen Körpers Evolution[2].

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Der Algen Bedarf an CO2, der Zuckersynthese wegen,

Brachte manche Flechte dazu, am Rand sich etwas zu heben,

Den Austausch von Gasen zu stimulieren;

Um kein Wasser zu verlieren,

Dichteten sie – wie konsequent! –

Mit Rinde den abgehobenen Rand[3].

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Zu dicht durfte freilich die Rinde nicht sein!

Sollte Regen den Thallus[4] fast zum Ertränken durchwässern

Und so CO2 dem Wasser zu entnehmen, nicht mehr gelingen,

Mussten Lüftungskanäle den Zugang erzwingen:

Feinste Lücken zwischen den Hyphen wurden

Unbenetzbar durch Hydrophobin[5].

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Je größer die Fläche zum Austausch der Gase,

Zum Fangen der Strahlen des Lichts,

So höher die Leistung der Algen:

Folglich streben die Hyphen, wenn feucht die Umgebung, weg vom Substrat,

Dichten des Lagers Fläche, soweit nur erträglich,

Rollen Loben zu Ästchen,

Lassen sie später randlich verwachsen,

Werden allmählich zum Strauch[6].

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Sparen sich – wozu das Zentrum mit Hyphen befüllen? –

Kohlenhydrate und Stickstoff en masse;

Widerstehen den Winden, wenn weit exponiert,

Bleiben aufrecht, knicken nicht um[7].

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Wer einen Vorteil mit einem zweiten geschickt kombiniert,

Erhält, nicht lang wird es dauern, evolutiv einen Vorsprung,

Doch nur, wenn neu die Karten der Zukunft gemischt!

Ändert sich nichts an der Lage,

Oder bleibt die Flechte konservativ dort,

Wo sich’s schon immer gut lebte,

Nicht in die Ferne, nach Neuland gern strebt,

Erhält sich für lange, was einstens den Grund für das Leben gelegt[8].

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Fußnoten

[1] Substrat: Allgemeine Bezeichnung für feste, unterstützende, tragende oder nährende Substanz

[2] Krustenflechten: Flechten, bei denen der Thallus flächig, krustenartig und lückenlos fest mit der Unterlage verwachsen ist

[3] Laubflechten: Flechten, die flach, blattartig und lappig auf einem Untergrund wenig verbunden wachsen

[4] Flechtenthallus: Algenumgebendes Hyphengeflecht unterschiedlichster Formen, auf/in dem die Fruchtkörper der Flechte (des Pilzes) entstehen

[5] Hydrophobine: Cysteinreiche Proteine (ca. 100 Aminosäuren) mit acht  konservierten Cystein-Resten, die vier Disulphid-Brücken bilden, werden von hyphenbildenden Pilzen erzeugt und ergeben eine wasserabweisende Schicht auf Oberflächen

[6] Strauchflechten:  Flechten, die sich strauchförmig, ästig verzweigt oder bartartig vom Untergrund erheben

[7] Biegestabilität, Röhrenstabilität: Bewirkt Stabilität gegen Verbiegen, werden dabei doch die verfestigenden Elemente an den Rand verlegt; im Gegensatz zur Zugstabilität, bei der die festigenden Elemente im Zentrum angeordnet sind. Auch Statiker berücksichtigen diese Prinzipien

[8] Krustenflechten

Eingestellt am 24. Oktober 2026

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Teloschistineae, Gelbflechten

3 Zurück in die Realität (TP)

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Wer heute lebende Flechten, Teloschistineae als Beispiel genommen,

In ihren Thallusgestalten weltweit vergleicht,

Wird zweifellos auf der Evolution trickreiches Arbeiten schließen,

Falls er nicht doch der Biologen Argumenten weicht.

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Caloplacas[1], des Schönauges, Thallus,

Krustig im typischen Fall,

Presst sich fest ans Gestein, selten an Boden und Borke,

Versteckt den Thallus, wenn leicht löslich der Kalk[2],

In eines Felsen durchsichtige Schicht;

Ascomata[3] sitzen, scheinbar nur, unmittelbar auf dem Gestein[4].

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Andere Arten der Gattung,

Wie dies auch viele Xanthoria[5]-Species[6] tun,

Erheben die Ränder vom Felsen, vom Ast,

Werden blättrig, wirken wie feines, vergilbendes Laub[7].

Teloschistes[8] hingegen, aus feucht-warmen Gebieten bekannt,

Ähnelt, aus der Nähe beseh‘n, einem gelbbeästelten Strauch[9].

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Wenn blättrig erhoben,

Oder allseitswendig[10] verzweigt,

Steh’n Apothecien dementsprechend fern des Substrats,

Wohl zum Vorteil der Sporen[11] führ ihre Tour.

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Ob mehr Apothecien auf Thallusblättern, auf -sträuchern sich finden,

Als an krustigen Flechten, hat noch niemand erfasst,

Doch wäre auch dies, falls verwirklicht, der

Evolution ohne weiteres zuzutrau’n.

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Fußnoten

[1] Caloplaca spp.: Schönaugen (Teloschistineae – Teloschistales – Lecanoromycetes – Apothecienascomycota – Inoperculate Ascomycota –…)

[2] Kalk: Calciumcarbonat [CaCO3]

[3] Ascoma, Ascomata, Ascokarp: Fruchtkörper der Pezizomycotina

[4] Krustenflechten: Flechten, bei denen der Thallus flächig, krustenartig und lückenlos fest mit der Unterlage verwachsen ist

[5] Xanthoria spp.: Gelbflechten (Teloschistineae – Teloschistales – Lecnoromycetes – Apothecienascomycota – Unitunicata Ascomycota –…)

[6] Spezies: Art, Arten

[7] Laubflechten: Flechten, die flach, blattartig und lappig auf einem Untergrund wenig verbunden wachsen

[8] Teloschistes (Teloschistineae – Teloschistales – Lecnoromycetes – Apothecienascomycota – Unitunicata Ascomycota –…)

[9] Strauchflechten:  Flechten, die sich strauchförmig, ästig verzweigt oder bartartig vom Untergrund erheben

[10] Allseitswendig: nach allen Seiten hin orientiert

[11] Ascosporen

Eingestellt am 24. Oktober 2026

Evolutive Tendenzen: Teloschistineae (Originale; Reinhard Agerer)

Abheben vom Substrat und Vergrößerung der Reproduktiven Oberfläche von:

Caloplaca (Vertreter der Krustenflechten) über Xanthoria (Vertreter der Laubflechten) zu Teloschistes (Vertreter der Strauchflechten).

Eingestellt am 24. Oktober 2026

Teloschistes flavicans

Autor: Jymm

Lizenz: public domain; unverändert

Teloschistes exilis

Lizenz:  Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported license; unverändert

Eingestellt am 24. Oktober 2026

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Endpunkt erreicht!